Antonia S. Byatt - Geschichten von Feuer und Eis

Originaltitel: Elementals. Stories of Fire and Ice
Roman. Insel Verlag 2002
158 Seiten, ISBN: 3458171258

6 Erzählungen sind in diesem Band versammelt; *Geschichten von Feuer und Eis* nennt er sich, und so unterschiedlich wie die im Titel angeführten Temperaturen sind auch die Geschichten an sich.

Die erste und auch längste Erzählung, Krokodilstränen, handelt von einer Frau, die mit ihrem Mann gemeinsam eine Galerie besucht, sich nach einer kleinen Unstimmigkeit über ein Bild in einer anderen Ecke weiterstöbert - um kurz darauf festzustellen, dass sich eine Menschentraube um ihren Mann herum gebildet hat. Herzinfarkt, sofort tot - und sie? Sie wirft nur einen flüchtigen Blick auf die Szene, fährt nach Hause, packt, und bricht auf ins Ungewisse. Verwischt ihre Spuren, will nicht, dass man ihr nachforschen kann. Lässt sich treiben - und landet in Nimmes, der Ähnlichkeit mit ihrem Namen wegen. Proust´s *Suche nach der verlorenen Zeit* beginnt sie zu lesen, trifft sich hin und wieder mit einem anderen Gast, den ebenfalls ein Geheimnis umgibt, auf einen Drink; und langsam beginnen die beiden, ihre jeweilige Lebenslüge aufzulösen und wieder zu leben zu beginnen.

Gerade zu Beginn war dies auch eine der stärksten Geschichten für mich; die Autorin versteht es meisterhaft, mit wenigen Sätzen das Verhältnis zwischen den Eheleuten darzustellen, die solide Sicherheit, den intellektuellen Selbstanspruch - und die gähnende Langeweile, die dahinter verborgen ist.
Der Ausbruch der Frau, die nach dem Tod ihres Mannes einfach aufhört, weiterhin zu funktionieren, die ihren Kindern zusätzlich zur Bürde des toten Vaters noch die Last auflädt, keinen Grund für ihr Verschwinden zu wissen, ist in Byatt´s wunderbarem Stil verfasst und einfach ein Genuss zu lesen. Leider verliert sie sich dann ein wenig in dieser Geschichte, lässt den Aufbruch nicht für sich stehen, sondern will unbedingt noch irgendwo ankommen; das nimmt der Erzählung die Leichtigkeit und behaftet sie mit einem Fundament, das wiederum nicht tragfähig genug ist.

Eine Lamie in den Cevennen ist wesentlich märchenhafter als die erste Erzählung; hier findet ein Maler, der sich in die Einsamkeit der Berge zurückgezogen hat und besessen versucht, den richtigen Farbton zu treffen, der die Ambivalenz des Blaus zwischen Himmel und Bergmassiv wiedergibt, eines Tages in seinem Pool einer Schlange - einer seltsamen Schlange, einer Lamie - einem Wesen, das nicht Fisch noch Fleisch ist, das durch einen Kuss von ihm erlöst werden kann und Menschengestalt annimmt. Doch ihn interessiert es nicht, eine schöne Frau in seiner Umgebung zu haben - was ihn reizt, ist das Licht ihres Schlangenkörpers, gebrochen durch das Blau des Pools, des Himmels, der Berge. Bis eines Tages ein Freund zu Besuch kommt...

Trotz der märchenhaften Elemente - oder auch gerade ihretwegen - hat diese Erzählung einen gewissen Reiz. Mit dem Maler besessen nach dem richtigen Farbton zu suchen prägt sich auf ganz eigentümliche Weise ins Gedächtnis ein.

Heiß und kalt ist dagegen tatsächlich ein Märchen, von Beginn an - es erzählt die Geschichte einer Eisprinzessin, die ihr Herz an einen Wüstenprinzen verliert und mit den entsprechenden Schwierigkeiten zu kämpfen hat, da es keinen Ort gibt, an dem sie beide in ihrem Element sind.

Dieses Märchen ist sehr poetisch, für sich genommen wirklich schön - eine Geschichte, die man auch Kindern vorlesen kann (zu weiten Teilen zumindest, ein paar erotische Stellen müsste man vielleicht streichen.) Ein Märchen voller schöner Bilder, filigraner Sätze, die klirren wie die Glaskunstwerke, die der Wüstenprinz hervorzaubert - und eine Hommage an die echte Liebe, die unmögliches möglich macht, wenn auch der Wille alleine dazu nicht ausreicht.

Die Pennerin ist wieder eine sehr realistische Erzählung, die mir aber überhaupt nicht gefallen hat; der Plot einer Frau, die auf einer Geschäftsreise in einem Einkaufszentrum von Station zu Station ihrer Habseligkeiten und somit auch ihrer Würde beraubt wird, bot nichts überraschendes, weder stilistisch noch inhaltlich.

Jael hingegen, eine Erzählung, die ausgehend von einer Werbekampagne für Grenadine zurückgeht zu Kindheitserinnerungen, zum Religionsunterricht und Mädchenbanden, hat wieder wesentlich stärkeren Reiz; auch hier krankt die Erzählung in meinen Augen daran, dass die Autorin sich nicht entscheiden konnte, was sie daraus machen wollte, und die beiden Ebenen der Erzählung nicht wirklich ineinandergreifen. Aber es sind schöne Passagen zu finden.

In Christus im Haus der Martha und Maria schafft ein junger Maler es, durch sein kluges Vorbild, durch seine ruhigen Ratschläge die Köchin davon zu überzeugen, dass vielleicht doch nicht die Gräfin ohne Verpflichtungen, die wie einst in der Bibel nur für die Gesellschaft Christi zuständig ist, das große Los gezogen hat, sondern sie selbst, mit ihrem Talent, mit ihrer Fähigkeit, die Dinge nicht nur passiv zu erleben, sondern aktiv zu gestalten.

Auch wenn hier die Botschaft des *Bescheide dich und finde das beste an deiner Stellung* für mich ein wenig zu stark durchdringt, hat diese letzte Erzählung mich doch wieder mit der Autorin versöhnt; es ist die einzige im hier gedruckten Band, die für mich ein schlüssiges, befriedigendes Ende aufweist und von Anfang bis Ende einfach stimmig ist.

Wer wie bei Besessen einen wundervollen Roman erwartet, wird von diesen Erzählungen wahrscheinlich enttäuscht sein; sie sind zu kurz, als dass die Autorin weit genug ausholen könnte, um ihre Erzählkraft wirken zu lassen. Aber auch wenn mich nicht alle Erzählungen überzeugt haben: eine gute Gelegenheit, den wunderbaren Stil der Autorin kennen zu lernen, ist es allemal!

Antonia S. Byatt

Antonia S. Byatt, geb. 1936, wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter der Booker-Prize 1990. 1999 wurde sie von der englischen Königin zur "Dame Commander of the British Empire" ernannt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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