Antonia S. Byatt - Geschichten von Erde und Luft

Originaltitel: Sugar
Roman. Insel Verlag 2003
156 Seiten, ISBN: 345817172X

Nach den 6 Erzählungen, die letzten Herbst unter dem Titel "Geschichten von Feuer und Eis" herausgegeben wurden, folgt nun die Ergänzung, die "Geschichten von Erde und Luft", die allerdings schon vor fünfzehn Jahren auf Englisch in einem Erzählungsband veröffentlicht wurden.

Racine und das Tischtuch erzählt die Geschichte einer Schülerin, die mitten im Schuljahr in eine Internatsklasse aufgenommen wird; Emily Bray ist eine ausgezeichnete Schülerin, aber eher unansehnlich und unbeliebt. Das weiß sie schon, bevor sie hier aufgenommen wird, genauso, wie sie auch die Ablehnung der Klasse nach Bekanntgabe der ersten Zensuren vorausahnt. Sie ist überzählig; eine ungerade Schülerzahl, wenn fortwährend Paare gebildet werden müssen, trägt das seine dazu bei. Die Ablehnung erstreckt sich aber nicht nur auf die Mitschüler - auch ihre Lehrerin kann ihre Abneigung nur schlecht verbergen und spart nicht mit Andeutungen über ungebührlichen Ergeiz, wo doch eigentlich vor allem die sozialen Fähigkeiten beurteilt werden sollten...

So schön und treffend einzelne Beobachtungen in dieser Erzählung sind, blieb ich am Ende wie so oft ratlos zurück: und jetzt? Wohin sollte diese Geschichte mich führen? Der Lehrerin wird in einer Szene nachgesagt, die Geschichte, die sie den Kindern zu Halloween auftischte hätte keine narrative Spannung - für mich trifft das auch auf diese Erzählung zu.

In Der Wechselbalg lässt eine Schriftstellerin sich überreden, einen jungen Mann für einige Monate bei sich aufzunehmen. Sie und ihr Sohn hatten schon lange ein offenes Haus gepflegt, immer wieder Langzeitgäste beherbergt; doch mit diesem Jungen verhielt es sich noch etwas anders. Er schien die perfekte Verkörperung des Protagonisten ihrer letzten Erzählung zu sein, einer verstörenden Kindheitsgeschichte, die Josephine aus eigenen Erfahrungen gespeist hatte. Das Zusammenleben mit dem jungen Mann gestaltet sich schwierig, er spricht kaum, lässt sie nicht an sich ran - außer spätnachts. Um zwei, drei Uhr morgens findet sie ihn immer wieder in der Küche, und hier versucht er dann, zu sprechen zu beginnen, davon, wie sehr auch ihn ihre Erzählung bedrückt hätte, und woher sie wüsste, wie das für ihn sei? Josephine fühlt, dass sie nun gebraucht wäre - und verweigert sich, kann und will dem Jungen in seiner Verzweiflung nicht helfen, speist ihn mit Allgemeinplätzen ab. Kurz nachdem er ihr Haus verlassen muss, vergiftet er sich - und Josephines Schreibhemmung, die mit dem Tag seines Einzugs begann, hört endlich wieder auf.

Diese Erzählung hat mich am stärksten beeindruckt; die Wechselwirkung zwischen Kunst und Wirklichkeit, zwischen Einfühlungsvermögen, das der Schriftstellerin erlaubt, etwas so zu beschreiben, das andere sich darin wiedererkennen, und der Weigerung, einem realen Menschen aus einer erkannten Pein zu helfen, wurde auf unprätentiöse Weise lebendig gemacht. Alleine für diese eine Erzählung lohnt es sich schon, den schmalen Band zu kaufen!

Das Zimmer nebenan hatte mir ebenfalls sehr gut gefallen; es handelt von einer nicht mehr jungen Frau, die 20 Jahre ihres Lebens darauf gewartet hatte, endlich frei zu sein und die Welt erobern zu können, aber durch die kranke Mutter ans Haus gefesselt blieb. Doch von der geträumten Ungebundenheit bleibt wenig übrig, da sie bald schon Stimmen aus dem Nebenzimmer vernimmt, vertraute Stimmen - die ihrer Eltern, die sich wie zu Lebzeiten zanken...

In dieser Erzählung kommt für mich die große Stärke der Autorin, die unspektakulären und trotzdem so stark unterdrückten Wünsche einer Protagonistin lebendig werden zu lassen am deutlichsten zum Ausdruck.

Rosenfarbene Teetassen ist eine ganz kurze Erzählung, die mich überhaupt nicht angesprochen hat, und Am Abgrund kam mir vor wie eine lustvolle Vermengung aus Henry James und E.M. Forster vor, war mir teilweise zu langwierig und hat mich ebenfalls ratlos zurückgelassen.

Wer sich zwischen den beiden Erzählungsbänden entscheiden möchte, dem würde ich die "Geschichten von Erde und Luft" empfehlen; insgesamt aber finde ich, dass für die ausholende Erzählweise der Autorin die Romanform besser geeignet ist.

Antonia S. Byatt

Antonia S. Byatt, geb. 1936, wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, darunter der Booker-Prize 1990. 1999 wurde sie von der englischen Königin zur "Dame Commander of the British Empire" ernannt.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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