Michail Bulgakow - Hundeherz

Originaltitel: Sobac´ e serdce
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1994
132 Seiten, ISBN: 3423123435

Hart ist das Los eines Straßenköters im Moskau der 20er Jahre. Haben schon die Menschen es nicht gerade im Überfluss, leiden die Tiere noch viel mehr. Aber dass der Koch ihm gleich die ganze Seite mit kochendem Wasser verbrühen musste, das war nun wirklich überflüssige Grausamkeit. Einen besseren Platz als den Toreingang würde er nun brauchen, und außerdem zu fressen - aber woher soll er denn nun diese Bissen nehmen? Da hilft es nur noch, laut zu heulen.

Da, ein Herr. Eindeutig ein Herr, das ist einer, der keine Angst kennt. Und er hat soeben Wurst gekauft, sie ist in der Manteltasche, ganz genau richt der Hund das. Und - ein Wunder, ein Wunder! Der Herr gibt ihm von der Wurst ab, ja - er will ihn sogar mitnehmen! Nein, Herr du brauchst mich nicht zu locken, ich folge dir auch so!

Ein wundervolles Leben beginnt für den Hund. Seine Wunden versorgt, seine Versorgung gesichert. Sogar ein Halsband, ein richtig bourgeoises Halsband erhält er, wenn er nach draußen geführt wird, die neidischen Blicke der anderen Hunde sind nicht zu übersehen.

Aber eines Abends nähert sich der Assistent des Herren, eines Professors, wieder mit diesem übelriechenden Wattebausch - und ohweh, jetzt wird herumgeschnipselt. Denn der Professor ist Wissenschaftler, mit der Verjüngung der Menschen beschäftigt, und bei diesem Experiment möchte er sehen, was passiert, wenn gewisse Organe eines Menschen in den Hund eingepflanzt werden. Es ist schon ein Wunder für sich, dass der Hund diese Operation überlebt.

Aber nun passiert erst etwas gänzlich seltsames. Der Hund wächst, seine Behaarung fällt zum Teil aus. Er beginnt, auf seinen Hinterpfoten zu laufen. Und zu sprechen, jeden Tag ein neues Wort - meist unflätige Gossensprache. Die Geister, die er rief, wird er nun nicht los, der Professor - und sieht, dass sich wohl die Eigenschaften des Organspenders, eines Kriminellen, nun im Hund Bello, oder Genosse Bellow, wie er nun genannt werden möchte, manifestiert haben.

Je weiter die Vermenschlichung des Hundes voranschreitet, umso schlimmer geht er gegen alles an, was ihm in der Wohnung geboten wird - schließlich weiß er, welche Rechte ein Proletarier hat...

Unfassbar, dass dieses Buch bereits vor 80 Jahren geschrieben wurde.

Ich habe mich königlich amüsiert. Wirklich bitter, bitterböse. Es gibt nicht viel, was unangetastet bleibt. Dabei wird die Kritik hier ganz lakonisch dargebracht; sei es in der Beschreibung der zur Verfügung stehenden Lebensmittel, sei es, wenn die Genossen von der neuen Hausverwaltung auftauchen, um mehr Wohnraum zu beanspruchen.

Die Ansichten des Professors über die Ursachen der Zerrüttung, seine wissenschaftlichen Untersuchungen zur Auswirkung des Lesens der Prawda auf die Verdauung - sie sind einfach herrlich zu lesen.

Ich bin überzeugt davon, dass ich aus mangelndem Wissen eine Unmenge von Anspielungen nicht verstanden habe - aber das schmälert das Lesevergnügen nicht im Geringsten!

Michail Bulgakow

Michail Bulgakow wurde am 15. Mai 1891 in Kiew geboren und starb 1940 in Moskau. Nach einem Medizinstudium arbeitete er zunächst als Landarzt, zog aber dann nach Moskau, um sich ganz der Literatur zu widmen. Er gilt als einer der größten russischen Satiriker und hatte zeitlebens unter der stalinistischen Zensur zu leiden, seine zahlreichen Dramen durften nicht aufgeführt werden, seine bedeutendsten Prosawerke konnten erst nach seinem Tod veröffentlicht werden. "Der Meister und Margarita" entstand zwischen 1929 und 1939, wurde aber erst 1966 erstmals veröffentlicht.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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