Günter de Bruyn - Unter den Linden

Originaltitel: Unter den Linden
Roman. Siedler Verlag 2003
192 Seiten, ISBN: 3886807894

"Unter den Linden" - das ist der Name von Berlins schönster Straße. Der Meinung ist zumindest Günter de Bruyn - und ich kann ihm dabei nur zustimmen, denn auch ich freue mich immer wieder an dieser Prachtstraße, auch wenn ich sie bislang kaum jemals ohne Baustelle erlebt habe.

Umgebaut, abgerissen, neuer Verwendung zugeführt wurde auf dieser Straße schon immer. Günter de Bruyn hat für den interessierten Leser und Berlin-Spaziergänger aufgeführt, wie sich das Gesicht der Straße im Laufe der Jahrhunderte immer wieder geändert hatte. Er lässt das 1950 gesprengte Stadtschloss wieder aufleben, erzählt vom Gesamteindruck, den das Forum Fridericianum einst gemacht hat, wie es dann durch die Öffnung Richtung Alexanderplatz von einem Platz zur vielbefahrenen Durchgangsstraße wurde; eng verknüpft ist das alles natürlich mit der Geschichte Berlins und Deutschlands.

Je nach Charakter des Herrschenden wird aus dem Lustgarten vor dem Dom ein Flanierplatz oder ein Areal für Militäraufmärsche; aus dem anfangs unbedeutenden Brandenburger Tor wird nach Napoleons Sieg mit der Entfernung der Quadriga ein Zeichen der Niederlage bis hin zum Symbol für die geteilte Stadt.

Aber es geht nicht nur um die Gebäude, die einst hier standen oder immer noch zu bewundern sind, so interessant ihre Geschichte auch ist; der Autor lässt auch andere literarische Stimmen zu Wort kommen, zitiert aus den Briefen, Tagebüchern oder auch Romanen von Schriftstellern wie Heinrich Heine oder E.T.A. Hoffmann und natürlich Fontane. So manche Anekdote lädt zum Schmunzeln ein, und wenn man dann noch einen Blick auf die zahlreichen Abbildungen wirft, merkt man erst, wie viele Veränderungen diese Straße bereits hinter sich hat.

Wenn man sich für Berlin interessiert, seine Geschichte, seine Sehenswürdigkeiten, ein paar Hintergründe erfahren will und dabei auch noch einem guten Erzähler lauschen will, dem kann ich dieses Buch nur empfehlen. Es deckt zwar nur einen sehr geringen Anteil an der großen Stadt Berlin ab - aber einen so geschichtsträchtigen, dass die Lektüre nie langweilig wird.

Jeden Tag fahre ich Unter den Linden zur Arbeit - mit wachem Auge, so dachte ich bislang zumindest. Aber nachdem ich dieses Buch gelesen habe, fallen mir nun immer neue Kleinigkeiten auf, zu denen ich bereits eine Geschichte gelesen habe.

Ich habe Günter de Bruyn nun nur mit diesem Buch hier kennen gelernt; der Stil ist für mich so vielversprechend, dass ich in absehbarer Zeit unbedingt auch noch seine Romane lesen will.

Günter de Bruyn

Günter de Bruyn, 1926 in Berlin geboren, lebt heute als freier Schriftsteller in einem märkischen Dorf. Seine beiden autobiographischen Bücher "Zwischenbilanz" und "Vierzig Jahre" machten Furore. "Preußens Luise" wurde 2002 mit dem Deutschen Literaturpreis ausgezeichnet. Im gleichen Jahr erhielt Günter de Bruyn den Deutschen Nationalpreis

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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