Melitta Breznik - Das Umstellformat

Originaltitel: Das Umstellformat
Erzählung(en). Luchterhand Literaturverlag 2002
137 Seiten, ISBN: 3630871283

Lange hatte sie von ihrer Großmutter nicht mehr gekannt als ein verschwommenes Photo und Andeutungen, dass sie während der Nazizeit in einem Heim für Geisteskranke umgekommen sei. Aber in den letzten Jahren war ihr Wunsch danach, die Umstände nachzuvollziehen, die Orte zu besuchen, an denen die Großmutter verwahrt wurde, immer stärker - und vor allem wollte sie diese Reise gemeinsam mit ihrer Mutter antreten.

Es wird eine Reise in eine dunkle Vergangenheit; die Mutter, die sich lange dagegen gesträubt hatte, ist aber dann die, die nach der Ansicht der ersten Dokumente, der Anstalten, Fragen zu stellen vermag, sich zurückerinnert an die Zeit, als ihre Mutter sich selbst in die Klinik hat einweisen lassen, weil sie sich vom Umstellformat bedroht fühlt, von dem sie alle um sich herum infiziert weiß.

Protokolle, Gesuche, Ärztliche Gutachten wechseln sich ab mit Tonbandprotokollen von den Erinnerungen der Mutter, Eindrücken dieser letzten Reise - und Erinnerungen an eine Fahrt nach Norwegen, wo sie als Jugendliche ein Austauschjahr verbracht hatte. Ihre Gastvater war, als Norwegen okkupiert wurde, einer der ersten gewesen, die in die Partei eingetreten waren - und sein Weiterleben danach, nach dem Krieg, sein Zurückkommen nach dem Lager, die Ausgrenzung, der er nicht nur von außen ausgesetzt war, die er auch in sich selbst empfand.

Erst das Zusammenspiel all dieser Komponenten, stimmig eins ins andere übergehend, machen diese Erzählung zu einem so beklemmenden Stück Literatur. Melitta Breznik macht es dem Leser nicht leicht, sie zeigt nicht nur schwarz-weiß; es ist ein ganz alltägliche Einzelschicksal, ein Vater, der zwar immer wieder versucht, seine Frau zurückzuholen, sie letzten Endes aber doch preisgibt; eine Tochter, die ihr schlechtes Gewissen unterdrückt und bei der ersten Gelegenheit weggeht; ein Mann, der von deutscher Kultur und Geistesleistung beeindruckt ist und damit leben muss, nachdem er die dunkle Seite kennen gelernt hat.

Vor allem diese eher beiläufig erzählte Erinnerung an Norwegen hat mich aber nachhaltig beschäftigt; wie lebt ein Mensch mit dem eigenen Schuldbewusstsein weiter, nachdem er eine so falsche Entscheidung getroffen hatte? Kann ein Leben in selbstauferlegter Ausgrenzung die Vergangenheit irgendwann wenn nicht entschuldigen, so doch verzeihen helfen?

Was erst als Geisteskrankheit, als Schizophrenie der Großmutter erscheint, wirkt bei näherem Hinsehen als schmerzhafte Hellsicht; alle, fast alle hatten sich anstecken lassen, waren dem Umstellformat zum Opfer gefallen.

Eine Autorin, die es nicht nur geschafft hat, mich durch ihre Darstellung der gewählten Thematik zu beeindrucken und zu berühren - sondern die mich darüber hinaus auch durch ihre erzählerischen Fähigkeiten stark beeindruckt hat. Eine Empfehlung!

Melitta Breznik

Melitta Breznik wurde 1961 in Kapfenberg (Steiermark) geboren. Sie lebt heute als Ärztin in Graubünden. Zuletzt erhielt sie den Literaturpreis des Landes Steiermark 2002

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©19.11.2002 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing