Madeleine Bourdouxhe - Auf der Suche nach Marie

Originaltitel: A la recherche de Marie
Roman. Piper Verlag 1997
198 Seiten, ISBN: 3492229697

Jean und Marie sind in den Sommerferien am Meer. Marie, so sind sich ihre Freundinnen einig, ist die einzige von ihnen, die weiß, was Glück ist - die ihren Mann auch nach sechs Jahren noch so intensiv liebt wie zu Beginn, die ihm keinen Schritt von der Seite weicht.

Voller Zärtlichkeit und Sorge beobachtet sie ihn, den schlechten Schwimmer, wie er im Meer schwimmt. Und während sie ihre Augen noch schweifen läßt, entdeckt sie einen jungen Mann, den sie fasziniert beobachtet, das Spiel seiner Muskeln.

Am Abend, als sie mit Freunden Richtung Hafen unterwegs sind, zieht sie für kurze Zeit alleine los, löst ein Boot und läßt sich aufs Meer hinaustreiben. Wäre Jean bei ihr, würde er bestimmt das Ruder ergreifen.

Beim Spaziergang am nächsten Tag sieht sie den jungen Mann wieder. Sie machen nicht viele Worte - und trotzdem ist klar, daß etwas passieren wird. Er gibt ihr seine Telefonnummer.
Die sie dann, zurück in Paris, auch wählt - während ihr Mann nach Maubeuge muß. Die Arbeit läuft nicht so gut, der drohende Krieg wirft seine Schatten voraus.

Schließlich müssen sie für einige Monate ganz in die Provinz ziehen. Sie wohnen bei Jeans Eltern - so lieb die Schwiegereltern es auch meinen, der Beginn ist nicht leicht. Vor allem hat nun Marie, die bisher den Tag großteils allein verbracht hat, kaum noch die Möglichkeit, mit sich allein zu sein.

Der Selbstmordversuch ihrer Schwester Claude treibt sie zurück nach Paris. Und während sie um das Leben der Schwester kämpft, befreit sie sich auch selber innerlich aus dem Käfig, in dem sie lebt... Die Handlung des Buches an sich ist nicht unbedingt überwältigend. Frau liebt Ehemann, der sie aber (wie man immer wieder durchscheinen sieht) betrügt, und verliebt sich ihrereits in einen anderen, mit dem sie ein Verhältnis ohne Anspruch auf Alltagstauglichkeit beginnt.

Marie ist eine Träumerin - sie lebt fast nur in ihren Phantasien, hält ihr Innenleben auch gut unter Verschluß, spricht nicht viel - und wenn, dann wirkt sie oft so abwesend, daß es vor allem die Männer verrückt macht, die keinen Zugang zu ihr finden.

Und trotz ihrer übergroßen Liebe zu Jean verspürt sie kaum Gewissensbisse, als sie sich auf den jungen Studenten einläßt - doch die Entfremdung zwischen dem Ehepaar wird auf viel subtilere Weise deutlich. Erkennt man zu Beginn des Buches nur die überwältigende Liebe, so kommen später auch immer mehr die Punkte zum Vorschein, die Marie sich nicht einmal selbst eingestehen möchte.

Und dieser Befreiungsprozeß, das Finden der eigenen Mitte, hat mich schon sehr fasziniert.

Madeleine Bourdouxhe

Madeleine Bourdouxhe wurde 1906 in Lüttich geboren. Sie gehörte zum literarischen Kreis um Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir. In den 80ern wurde ihr Werk in Frankreich neu aufgelebt. Madeleine de Bourdouxhe starb 1996 in Brüssel.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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