Martina Borger - Kleine Schwester

Originaltitel: Kleine Schwester
Roman. Diogenes 2002
218 Seiten, ISBN: 3257063172

Ela und Carl hatten sie vor ihren Augen weggebracht, und Lilly selbst war auch auf die Polizeiwache gebracht worden. Hier sollte sie erzählen, wie es denn so weit hatte kommen können, wie sie so schuldig hatten werden können - aber sie kann es nicht erzählen, kann es nicht aussprechen. Sie waren doch ihre Eltern, das Liebste, was sie überhaupt hatte!

Und sie war die Lieblingstochter, die Einzige für lange Zeit. Wenn es nach ihr gegangen wäre, dann hätte sich daran wahrscheinlich auch nicht viel geändert; aber Ela wünschte sich mit aller Kraft ein zweites Kind.

Mit der Zeit war es dann nicht mehr ganz so gemütlich bei ihnen zu Hause; immer häufiger musste Lilly mitanhören, wie Ela und Carl miteinander stritten. Und an einem besonders schlimmen Tag wurde Lilly ganz schnell weggebracht, um ein paar Monate bei einer Tante zu leben.

Als sie dann endlich wieder zurückgeholt wurde, strahlte Ela: sie würden endlich eine richtige Familie werden! Und wenn sie schon kein Baby mehr bekommen könnten, dann würden sie eben ein Kind in Pflege nehmen, ein kleines Wesen, dem sie eine neue Chance geben könnten.

Wieviel Hoffnung und guten Willen hatten sie, als sie Lotta zu sich holten. Aber Lotta war keine zweite Lilly - und irgendetwas fing an, ganz rasch aus dem Ruder zu laufen...

Man mag sich gar nicht wirklich vorstellen, was hier mit dem kleinen Pflegekind passiert - und kann doch immer nur weiterlesen um fassungslos mit anzusehen, wie es immer schlimmer wird, wie es überhaupt so weit kommen kann.

Das Autorinnen-Duo kommt eigentlich aus der Filmbranche, die beiden haben zusammen für unzählige Stunden Film Drehbücher geschrieben (zum Beispiel auch für die Lindenstraße) - und dass sie wissen, wie man eine Geschichte dramaturgisch perfekt aufbaut, merkt man diesem Buch an. Es ist ein echter Pageturner, man wird immer tiefer hineingezogen in diesen Wirbel aus Schuldgefühlen, Enttäuschungen, Verletzungen und falschen Erwartungen.

Wie geht man mit einem behinderten Kind um? Wie geht man mit der Erkenntnis um, sich eine zu große Last aufgebürdet zu haben? Wann kann man einen Fehler noch zugeben - und ab wann nur noch den Kopf in den Sand stecken?

Es ist vor allem ein Roman übers Wegschauen - die Behörden, die Nachbarn, der Ehemann, aber auch Lilly, die mit ihren 12 Jahren zwar noch ein Kind, aber trotzdem schon alt genug ist, um schuldig werden zu können.

"Kleine Schwester" ist zwar keine tiefschürfende Lektüre - aber ein spannendes, auch ein wenig nachdenklich machendes Buch, das zudem noch gut und fesselnd geschrieben wurde. Was will man von einer Sommerlektüre mehr erwarten!

Martina Borger

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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