Martina Borger - Katzenzungen

Originaltitel: Katzenzungen
Roman. Diogenes 2001
355 Seiten, ISBN: 3257062788

Dodo, Nora und Claire - zu Schulzeiten waren sie nahezu unzertrennlich. Dabei kamen sie aus völlig verschiedenen Elternhäusern; Dodos Vater war schon vor Jahren verschwunden - ohne für genügend Geld zu sorgen, wohingegen Nora, deren Vater Rechtsanwalt war, schon als Kind zu spüren bekam, dass es der Familie finanziell an nichts mangelte.

Nun sind sie knapp vierzig; und vor 10 Jahren haben sie begonnen, jedes Jahr eine gemeinsame Reise zu unternehmen. Nur für ein paar Tage, immer in eine andere Stadt. Eine Reise, auf die Nora sich wohl immer am meisten freut; sie ist es auch, die die Kosten für Dodo trägt - ohne es ihr jedoch zu sagen. Denn in ihrer Vergangenheit gibt es einen Punkt, der die scheinbar felsenfeste Freundschaft auf eine harte Probe gestellt hatte: Zu ihrem Abschlussball hatte Dodo ihren neuen Freund mitgebracht. Männer hatte es in ihrem jungen Leben zwar schon immer gegeben, doch dieser hier war etwas Besonderes, diesen hier liebte sie. Aber während sie und Claire im Sommer herumreisten, hatte er sich anders entschieden. Ob es nun Nora war oder die Kanzlei ihres Vaters; jedenfalls verließ er Dodo.

Nur noch Claire blieb ihr als Freundin. Claire, die so gar nicht in das biedere Pinneberg passte, mit ihrem strahlenden Aussehen und abweisenden Wesen. Aber sie war ja auch nur adoptiert worden; und nach ihrer Volljährigkeit hatte auch sie zugesehen, so schnell wie möglich das Weite zu suchen.

Und nun sind sie also wieder gemeinsam unterwegs. Eine Reise, auf der jede einerseits versucht, die jüngsten Verletzungen vor den alten Freundinnen zu verbergen - und die alten Wunden, die nach und nach aufreißen, nicht überhand nehmen zu lassen. Doch das gelingt nicht ganz; diese Jubiläumsreise soll auch ihre letzte werden. Denn was lange verschwiegen wurde, kann nun nicht mehr zurückgehalten werden...

Ja, das liest sich wirklich gut und spannend, diese Geschichte einer langjährigen Freundschaft; die Erzählperspektive wechselt ständig zwischen den drei Frauen, und langsam erfahren wir immer mehr von all dem Horror, den sie voreinander verstecken - und auch von all den Verletzungen, die sie sich gegenseitig zugefügt haben.

Dass Freundschaft kein Garant dafür ist, hinter dem Rücken Dinge zu tun, von denen man weiß, sie werden verletzen, von denen man auch weiß: das könnte das Ende der Freundschaft bedeuten... das haben diese beiden Autorinnen sehr geschickt eingefangen.

Zwar wird es mir gegen Ende ein wenig zu melodramatisch; aber insgesamt ein Buch, das ich mit großem Vergnügen, einem Taschentuch in der einen Hand, in der anderen ein Weinglas, genossen habe - und das Fragen nach dem eigenen Umgang mit Freundschaften aufwirft.

Martina Borger

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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