Bohumil Hrabal - Ich habe den englischen König bedient

Originaltitel: Obsluhoval jsem anglického krále
Roman. Suhrkamp Verlag 1988
300 Seiten, ISBN: 3518382543

Er ist nur das Dite, das Kindchen, ein kleiner Pikkolo im renommierten Hotel "Goldenes Prag". Doch bald schon hat er, unter den Fittichen des Oberkellners, die wichtigsten Regeln begriffen. Man muss die Wünsche des Gastes schon erahnen, ehe der Gast selbst es weiß - und man muss ihm ein gutes Gefühl geben, auch wenn man ihn dabei ein wenig begaunert und pekuniär ein wenig erleichtert.

Es ist eine Welt wie ein Schlaraffenland - Geld liegt auf der Straße, wenn man sich darum bemüht, und mit Geld lassen sich die schönen Dinge des Lebens mühelos erwerben, sei es ein wenig mehr Größe durch doppelt besohlte Schuhe oder die Gunst williger, bezaubernder Fräuleins.

Unter diesen Voraussetzungen steigt er rasch auf; und als dann die Deutschen die Tschechoslowakei besetzen, ist es nur folgerichtig, dass er in vorauseilendem Gehorsam zum Kollaborateur wird, zumal er sich ja auch mit einer Deutschen verlobt. Der Ton wird nun ein anderer; während mich zu Beginn des Romans (neben der anekdotischen Erzählweise) vor allem der naiv-dümmliche Tonfall, hinter dem sich dann die gar nicht so naiven Beobachtungen tarnen, gestört hat, wird es nun direkter und härter. Zwar bleibt die Grundtendenz, durch heiter-groteske Übertreibung die bittere Realität zu verniedlichen und dadurch erst recht deutlich zu machen, aber für mich zählte diese mittlere Passage des Romans eindeutig zum Besten, was ich hier zu lesen bekam.

Bezeichnend dafür ist es zB auch, dass das gemeinsame Kind mit der Deutschen, das ja unter aller Aufbietung der Kunst und für den Führer geboren wurde, geistig schwer behindert ist und nur zu stupider Tätigkeit wie Nägel einschlagen in der Lage.

Nach dem Krieg ist eine erneute Anpassung fällig; auch hier folgen wieder erheiternde Szenen, die die Absurdität des Ganzen unter Beweis stellen.

Trotz aller Lobpreisungen, die ich davor schon über Hrabal gehört hatte, muss ich doch zugestehen, dass seine Erzählweise mit meinen Leserinteressen in vieler Hinsicht kollidiert. Ich kann mit der Aneinanderreihung vieler kleiner Anekdoten eher wenig anfangen, und ich mag auch groteske Übertreibungen, egal in welche Richtung, nicht unbedingt. Beides ist hier im Überfluss vorhanden, verstärkt noch durch den naiven Tonfall. Gäbe es den Mittelteil nicht, mein Urteil fiele deutlich ungnädiger aus. So aber habe ich einen Eindruck davon gewonnen, wofür er von so vielen Lesern geschätzt wird, auch wenn er sich wohl nicht zu meinem Lieblingsautor entwickeln wird.

Bohumil Hrabal

Bohumil Hrabal wurde am 28. März 1914 im tschechischen Brünn (Brno) geboren und starb am 3. Februar 1997 in Prag. 1935 begann Hrabal sein Jurastudium in Prag. Nebenbei besuchte er Vorlesungen über Literatur, Kunst und Philosophie und schrieb seine ersten Gedichte. 1939 musste er sein Studium unterbrechen, da die deutsche Besatzungsmacht die tschechischen Hochschulen schließen ließ. Von 1941 bis 1945 arbeitete er für die staatliche Eisenbahn. 1946 promovierte er zum Dr. jur. Von 1947 bis 1949 war er Handelsreisender. In dieser Zeit bereitete er seinen ersten Gedichtband Verlorenes Gäßchen vor. Bis 1958 arbeitete Hrabal in einem Stahlwerk in Kladno und in einer Altpapierpackerei in Prag. 1956 heiratete er Eliska Plevová. 1963 erschien seine erste Erzählung Perlchen auf dem Grund erscheint; rasch folgten von 1964-68 Die Bafler, Tanzstunden für Erwachsene und Fortgeschrittene, Inserat. verkaufe Haus, in dem ich nicht mehr wohnen will, Moritaten und Legenden und andere Texte, die zum Teil auch verfilmt wurden. Bis 1975 wurde ein Publikationsverbot verhängt. Eine Auswahl seiner Texte konnte jedoch im Ausland, darunter in der DDR und in der Bundesrepublik erscheinen. Von 1982 bis 1985 entstand die autobiographische Trilogie Hochzeiten im Haus. 1987 starb seine Ehefrau. Noch vor der politischen Wende erschien 1988 der autobiographische Mädchenroman in Canada in einem Exilverlag

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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