Ketil Bjørnstad - Der Tanz des Lebens

Originaltitel: Ludvig Hassels tusendrsskifte
Roman. Suhrkamp Verlag 2002
277 Seiten, ISBN: 3458170979

Das, was er heute darstellte, wollte Ludvig Hassel auf keinen Fall werden: ein alternder Kunstkustos, der jungen Mädchen nachsteigt, sich sinnlos besäuft und dessen Meinung nicht mehr wirklich gefragt ist.

Trotzdem findet er sich in der Situation; seit ihn seine 17jährige Tochter vor fünf Jahren zwischen den Beinen ihrer Schulkollegin auf der elterlichen Couch vorgefunden hatte, gab es keinen Aufwärtstrend mehr in seinem Leben. Er hatte damals sofort die Scheidung eingereicht, um die Konsequenzen aus seiner Tat zu ziehen; dass das junge Mädchen an einer Beziehung zu ihm festhalten würde, über fünf Jahre hinweg, hatte er nicht erwartet. Vor allem nicht nach der Behandlung, die er ihr angedeihen ließ; ihren Wunsch, bei ihm einzuziehen, gedenkt er genauso wenig zu erfüllen wie ihr Streben nach Heirat und Sicherheit.

Seinen beiden Kinder gegenüber hat er ein permanent schlechtes Gewissen; schon früher hatte er sich nicht genug um sie gekümmert, und was gerade die Tochter mit ansehen hatte müssen, war einem unbefangenen Verhältnis nicht gerade förderlich gewesen. Und nun kommt diese Tochter ausgerechnet mit einem seiner größten Konkurrenten an - und erklärt ihm, sie werde diesen Mann heiraten.

Ein aufgeblasener Wichtigtuer, nichts anderes ist er, dieser Verlobte seiner Tochter; und beim traditionellen weihnachtlichen Familienfest eskaliert die Situation: denn neben dem Hass auf den zukünftigen Schwiegersohn entdeckt Ludvig noch ganz andere Gefühle. Er verliebt sich in die Freundin seines Sohnes...

Eine Identifikationsfigur gibt Ludvig Hassel für den Leser nicht gerade ab; Alkohol, bis der gnädige Schleier des Vergessens winkt, dazu ungepflegt, eitel, egoman - kein Mensch, mit dem man gerne zu tun haben möchte. Und doch: wenn man aufmerksam liest, dann entdeckt man die Stellen, die den Leser selbst betreffen, die verstören und beunruhigen.

Denn eines ist dem Autor perfekt gelungen: Das Gefühl des Versagens festzuhalten, das Ludvig Hassel befällt, als er feststellt, dass er für die nächste Generation Platz machen soll, dass seine Ansichten als überholt gelten, seine Meinung nicht mehr gefragt ist. Aber das äußere Eingeständnis ist noch harmlos gegen all das, was ihn tief drinnen quält; das Eingeständnis der eigenen Mittelmäßigkeit.

Wer diese Schilderungen liest, spürt die Verzweiflung des alternden Mannes - und trotz aller Abneigung beginnt man, Mitleid mit ihm zu haben.

Als Gesamtkonzeption empfand ich das Buch aber als nicht besonders gelungen; Da ist als Allererstes ein Mord. Wer der Tote ist, erfährt man genauso wenig wie die Identität des Täters - erst zum Schluss, als die schicksalhafte Begegnung der beiden unvermeidlich wird, weiß der Leser, wer hier wen getötet hat. Tja - ohne Rahmenhandlung hätte dem Buch ein Spannungsbogen im Roman gefehlt. Aber die Lösung, die nun gefunden wurde, wirkt billig: plötzlich baut man ein kriminalistisches Element in einem ansonsten ganz anderen Milieu ein.

Ein Mord also. War das wirklich die Lösung? Eine etwas liebevoller arrangierte Rahmenhandlung, ein paar Straffungen im Text, ein paar mal weniger Nutte und Hurenbock - und aus diesem Roman hätte ein unter die Haut gehendes Stück Krisenliteratur werden können.

Ketil Bjørnstad

Ketil Bjørnstad, geboren 1952, hat in Oslo, London und Paris klassisches Klavier studiert; er lebt als Schriftsteller, Pianist und Komponist in Oslo. Sein literarisches Werk umfasst neben Gedichtbüchern weit über zwanzig Romane.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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