Thomas Bernhard - Alte Meister

Originaltitel: Alte Meister
Roman. Suhrkamp Verlag 1985
311 Seiten, ISBN: 3518380532

Für halb zwölf hatte der Musikphilosoph Reger Atzbacher ins Kunsthistorische Museum gebeten – und das ausgerechnet an einem eintrittsfreien Samstag, was den Gepflogenheiten sowohl Regers als auch Atzbachers total zuwider lief. Schließlich war in einschlägigen Kreisen lange bekannt, dass Reger schon seit 30 Jahren jeden zweiten Tag das Kunsthistorische Museum aufsuchte, um im Bordone-Saal auf der Bank vor Tintorettos „Weißbärtigem Mann“ zu sitzen und zu denken, was er nirgends besser könne als hier, auch nicht im Ambassador, das er mit ebenso großer Regelmäßigkeit jeden nachmittag aufsuchte.

Da Atzbacher Regers Pünktlichkeit bekannt ist nutzt er die Gelegenheit, jenen endlich einmal beobachten zu können, wenn er sich unbemerkt wähnt; und so wartet er im angrenzenden Saal auf ihn, der ihm guten Blick auf die Bank gewährt.

Erst am Vortag hatte Reger ihm einen langen Vortrag über die Fuge gehalten; er pflegte Atzbacher immer wieder seine Gedankengänge mitzuteilen, nicht nur zu Musikphilosophie, nein, auch über Kunst, über Literatur, Architektur, Philosophie, Wien und die Wiener im Besonderen; auch an diesem markanten Samstag dauert es drei Stunden, bis Atzbacher endlich erfährt, warum Reger ihn an einem Samstag im Kunsthistorischen Museum sehen wollte...

„Alte Meister“ – das heißt 305 Seiten ohne Kapitelunterteilung, ja, sogar ohne einen einzigen Absatz. Zuweilen zweifelt man sogar, ob es sich um mehr als einen Satz handelt. Bernhard ist für seinen Stil, seine verschraubten Sätze, seine mehrfach gebrochene Erzählhaltung, ja berühmt geworden – das macht den Text aber an vielen Stellen dennoch nicht weniger mühsam zu lesen.

Ich habe seit langem ein eher ambivalentes Verhältnis zu Thomas Bernhard, das erst durch sein autobiographisches Buch „Ein Kind“ und dann durch „Der Untergeher“ in eine positivere Richtung beeinflusst wurde. „Alte Meister“ wurde mir vor allem auch als sehr unterhaltsam ans Herz gelegt; und wirklich sind gerade in der ersten Hälfte viele Passagen zu finden, die mich großartig unterhalten haben.

Wenn Bernhard über Stifter und Heidegger schreibt, dann klingt das zum Beispiel so: „Heideggers Methode bestand darin, fremde große Gedanken mit der größten Skrupellosigkeit zu eigenen kleinen Gedanken zu machen, so ist es doch. Heidegger hat alles Große so verkleinert, dass es deutschmöglich geworden ist, verstehen Sie, deutschmöglich, sagte Reger.“ (S. 90)

Aber Bernhard ist nicht nur zynisch und auf wunderbar böse Weise amüsant, er schafft es auch, kluge Gedanken zu formulieren, die im Leser noch länger nachhallen, seine Überlegungen zur Lächerlichkeit, die allen Kunstwerken bei allzu intensiver Betrachtung innewohnt, allen Texten, allen Bildern, und ebenso jeder Musik, hat bei mir offene Türen eingerannt.

Zu guter Letzt ist Bernhard – für mich zumindest – aber auch ein ganz schöner Schwätzer, der immer und immer wieder das Gleiche mit kaum variierten Sätzen sagt und mir streckenweise entsprechend auch ganz schön auf die Nerven gefallen ist.

Dass aus mir irgendwann noch ein Bernhard-Fan werden wird kann ich mir zwar nicht vorstellen, doch habe ich das Gefühl, dass ich es wohl in den nächsten Jahren trotzdem immer mal wieder an ihm versuchen werde. Er hat mich herausgefordert – auch das kann man als Empfehlungsgrundlage für ein Buch nehmen.

Thomas Bernhard

Thomas Bernhard, geboren 1931, starb 1989 in Oberösterreich. Er gilt als einer der wichtigsten österreichischen Autoren der Nachkriegszeit.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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