Hans Bergel - Wenn die Adler kommen

Originaltitel: Wenn die Adler kommen
Roman. Bastei Lübbe Taschenbücher 1996
385 Seiten, ISBN: 3404142373

Als Kind gibt es für Peter nichts schöneres, als den Sommer in den Bergen zu verbringen. Sein Großvater hat hier eine große Schafherde, und Bade Licu, der Hirte, sorgt mit seinen sieben Söhnen für die Herde. Jeden Sommer darf er mit dieser Familie verbringen, ist eingebunden in die seltsam wortkarge Lebensweise.

Sein Großvater ist ohnehin ein erstaunlicher Mann. Er war hochgeachtet wegen seiner Kenntnisse, was Kräuter und Heilmittel anging. Es gibt genügend Gerüchte über ihn - er hatte lange im Ausland gelebt, war aber trotzdem wieder zurückgekehrt nach Siebenbürgen. Achtung genießt er nicht nur bei seinen Landsleuten; auch die Rumänen, die Zigeuner, die Ungarn achten ihn und seinen Einfluss. Aber es gibt da auch einen gewissen Groll; denn die Gerüchte, dass der Jagdunfall, bei dem der Großvater einen Mann erschossen hatte, der auch unter Verdacht stand, am Mord seines, des Großvaters, Vaters beteiligt gewesen zu sein, konnten nie ganz aus der Welt geräumt werden.

Peters Vater Rick hingegen liebten die Menschen. Er hatte die Gabe, für jeden das richtige Wort zu finden. Eine harmonische Familie also; bis zu dem Zeitpunkt, als die Geschehnisse in Deutschland auch auf die weit entfernten Dörfer und Städte in Siebenbürgen überschwappten. Obwohl man nun unter rumänischer Krone lebte, war man von der ganzen Einstellung her doch deutsch; die unterschiedliche Bewertung dieser nationalen Gesinnung entzweit dann auch Rick und seinen Schwiegervater. Erst als Peters Tante in Salzburg bei einem Konzert für öffentliches Aufsehen sorgt, weil sie Musik eines jüdischen Komponisten spielt, dringt der ganze Wahnsinn bis ins ferne Rosenau durch...

Eigentlich wäre die Geschichte, die Hans Bergel hier zu erzählen hat, sehr interessant. Was weiß man schon, ganz ehrlich, darüber, was in Rumänien, in Siebenbürgen geschehen ist, wie sich die politische Situation dort entwickelt hat?

Aber leider hat der Autor die Gelegenheit verschenkt, den Leser dafür verstärkt zu interessieren. Der erste Teil ist eine reine Verklärung früherer Zustände, und danach kämpft man mit einer solchen Fülle von Namen, dass das Lesen kein Vergnügen mehr bedeutet. Anstatt wirklich etwas zu erzählen, die Menschen, von denen er berichtet, lebendig zu machen, merkt man dem Buch sehr deutlich an, wie autobiographisch es ist; der Autor konnte einfach auf nichts verzichten, noch die kleinste Nebenfigur, die in seinem eigenen Leben vorkam, muss hier ihren Platz finden.

Dazu kommt der schrecklich langweilige Erzählstil, der das Interesse noch mehr auf eine harte Geduldsprobe stellt. Aber es gibt auch Szenen, die für das lange Ausharren belohnen; wenn Peter und Rick eine Audienz beim König Carol erhalten, zum Beispiel. Da zeigt sich, was aus dem Buch hätte werden können, wie interessant und fesselnd die jüngere Vergangenheit dieses Buches ist.

Hans Bergel

Hans Bergel, 1925 in Rumänien (Siebenbürgen) geboren, lebt seit 1968 in Deutschland. Im Kronstädter Schriftstellerprozess zu 15 Jahren Zwangsarbeit verurteilt, hat er 61 erfolglose Gnadengesuche geschrieben und war bis 1964 in die Baragan-Steppe verbannt als Nachbar des Bauernführers Corneliu Coposu. 1968 durfte Bergel Rumänien verlassen - Günter Grass hatte beim damaligen Außenminister Willy Brandt interveniert.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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