Alan Bennett - Vater, Vater, lichterloh!

Originaltitel: --
Roman. Wagenbach Verlag 2002
124 Seiten, ISBN: 3803131685

Zwei Erzählungen sind in diesem Buch veröffentlicht:

Die Titelgeschichte, im vorliegenden Band die zweite, erzählt von einem Mann, dessen Vater ins Krankenhaus gebracht wird. Es ist klar: er wird nicht mehr lange leben. Und wenigstens dieses eine Mal will Midgley es richtig machen, will der Sohn sein, den sein Vater sich gewünscht hat: er will an seiner Seite bleiben, bis er stirbt. Nur: der Vater lässt sich ziemlich Zeit mit dem Sterben...

Und hier als Leser Augenzeuge zu werden, ist großteils wirklich sehr vergnüglich. Da kommt die Familie ins Krankenhaus, und eigentlich ist jeder unzufrieden, weil der, den man eigentlich schon betrauern will, immer noch am Leben ist. Und es ist wohl müßig zu erwähnen, dass der Sohn gerade dann, als seine Stunde geschlagen hat, nicht da ist, wo er eigentlich sein sollte...

Die erste Erzählung, "Hand auflegen", hat auch mit dem Tod zu tun. Und zwar mit dem mysteriösen Tod eines Masseurs - der allerdings schon eine ganze Weile zurück liegt. Heute versammelt sich eine illustre Gemeinschaft zur Trauerfeier. Dabei war der Verstorbene eigentlich kein Mitglied der High Society, aber doch den meisten der Versammelten nicht nur in seiner Funktion als ihr Masseur vertraut. Auch der Priester, der die Trauerfeier abhält, könnte genug erzählen über die Behandlungen, die man sonst noch erhalten konnte.

Eine Trauerfeier vor einer Gemeinschaft abzuhalten, die mit ziemlicher Sicherheit nicht religiös ist, bedarf einigen Fingerspitzengefühls. Das zu beobachten ist auch ein weiterer geistlicher Herr gekommen, der die Karriere des Priesters etwas argwöhnisch mitverfolgt. Aber er hat anfangs wenig Grund zur Beanstandung: Geschickt umschifft der Priester die Klippen zur Anbiederung, versteht es, der Gemeinde ein inniges Gefühl zu vermitteln. Aber dann, als eigentlich jeder nur noch darauf wartet, die Kirche wieder zu verlassen, erteilt er den Trauergästen das Wort - und die Situation eskaliert...

Diese Erzählung ist wirklich ausgesprochen lesenswert; auf sehr britische Art, ohne alles direkt anzusprechen, wird der Leser mitgenommen in die Welt der Unsicherheit und Zweifel: woran war er nun wirklich gestorben? Gab es einen Grund, sich Sorgen zu machen? Musste man die Vorsichtsmaßnahmen, die man seither ergriffen hatte, beibehalten? Angst und Erleichterung gehen wie eine Woge durch die Gemeinschaft, und dieses Hin- und Her habe ich beim Lesen sehr genossen. Es sind viele nette Details, die beim Lesen Vergnügen oder auch Schadenfreude verursachen. Ein Autor, den ich mir auf alle Fälle merken werde!

Alan Bennett

Alan Bennett, 1934 in Leeds geboren, ist einer der populärsten unter Großbritanniens Dramatikern. Er schreibt für Radio, Fernsehen und hat ua eine Theaterfassung des englischen Kinderbuchklassikers "Der Wind in den Weiden" verfasst. Berühmt wurde die von der BBC für ein Millionenpublikum gesendete Hörspielreihe "Talking Heads"

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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