Gioconda Belli - Bewohnte Frau

Originaltitel: La Mujer Habitada
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 1988
375 Seiten, ISBN: 3423113456

Lavinia ist eine unabhängige junge Frau - sie hat, entgegen den Wünschen ihrer Eltern, Architektur studiert und will diesen Beruf auch ausüben. Von ihrer Tante, bei der sie einen Großteil ihrer Kindheit verbracht hatte, war sie in ihrem Unabhängigkeitsbestreben immer unterstützt worden - sie hatte ihr auch dieses Haus vermacht, in dem Lavinia nun lebt, "für den Fall, daß eine Zeit kommt, in der sie allein sein wolle".

In ihrem Architekturbüro arbeitet auch Felipe - mit dem sie anfangs nur heftigste Streitgespräche führt, um dann eine intensive Liebesbeziehung zu beginnen. Doch trotz aller Liebe gibt es offensichtlich etwas, das Felipe vor Lavinia geheimhalten will, aus dem er sie ausschließt. Als sie, einige Zeit später, bei einem Notfall doch mit eingeweiht werden muß, versteht sie auch, warum - er ist im geheimen im Widerstand tätig.

Lavinia, behütete Tochter wohlhabender Eltern, lernt nun langsam auch die Situation der weniger Betuchten kennen. Es ist ihr freigestellt, sich der Untergrundbewegung anzuschließen - eine Entscheidung, die ihr, auch nachdem sie sich längst dazu entschlossen hat, sehr schwer fällt, ihr aber, je mehr sie mit der Arbeiterschicht in Kontakt kommt, immer nötiger erscheint.

Es ist eine schwere Gewissensprüfung, als sie gebeten wird, die Baupläne für ein Haus, das sie (überfallsicher) geplant hat, aus der Hand zu geben.... Ich habe dieses Buch geliebt. Schon nach wenigen Sätzen war Lavinia eine Vertraute - ihren Gewissenskampf mitzuverfolgen hieß eigentlich, ihn mitzuerleben.

Parallel zu dieser Geschichte wird von einer Frau erzählt, die vor hunderten Jahren beim Kampf gegen die Spanier dabei war, die also diesen Aufstand gegen die Unterdrücker auch schon erlebt hatte - ihre Seele wohnt im Orangenbaum in Lavinias Garten, sie kommentiert das Geschehen aus der Sicht der Vergangenheit.

Ein wunderschönes Buch, das zum Nachdenken darüber anregt, wieviel wir alle wohl einfach nicht wissen, hören, sehen wollen.

Gioconda Belli

Giaconda Belli wurde 1948 in Managua geboren. Sie entstammt einer vermögenden Familie und studierte in Spanien und den USA. Ab 1970 beteiligte sie sich am Widerstand der Sandinistischen Befreiungsfront FSLN gegen die Somoza-Diktatur ihres Landes. Sie lebt heute in Managua mit ihren drei Kindern und arbeitet - neben ihrer schriftstellerischen Tätigkeit - vor allem im Bereich der politischen Bildung.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©31.01.1999 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing