Louis Begley - Venedig unter vier Augen

Originaltitel: --
Roman. Mare Verlag 2003
168 Seiten, ISBN: 393638407X

Anka Muhlstein ist seit über 30 Jahren mit Louis Begley verheiratet. Sie wurde für ihr Werk über La Salle von der Académie Francaise ausgezeichnet.

Das nachhaltigste, was mir aus Begleys Roman "Mistlers Abschied" in Erinnerung blieb, sind die Schilderungen Venedigs, der Stadt, der Kunst, die sie beherbergt. Dass der Autor hier von etwas schrieb, das ihm selbst sehr am Herzen lag, wurde deutlich spürbar. Nun hat er gemeinsam mit seiner Frau Anke Muhlstein, einer Historikerin, einen sehr persönlichen Band über ihrer beider Eindrücke von Venedig gestaltet. Seit vielen Jahren verbringen sie jedes Jahr einige Wochen in der Lagunenstadt, nutzen diese Zeit zum Arbeiten, zum Schreiben, schotten sich von amerikanischen Freunden ab, die sich zufällig ebenfalls hier befinden, und gehen auf Entdeckungsreise.

In vier Teile ist diese Annäherung gegliedert: Als Einstimmung gibt es eine Erzählung Begleys zu lesen, in der ein junger Mann Venedig das erste Mal bereist und große Hoffnungen in ein Wiedersehen mit einer Collegefreundin setzt, der er hier endlich so nahe kommen möchte, wie er das schon lange wünscht. Stattdessen findet er eine lebenslange Freundschaft, die er nicht erwartet hatte - und verfällt dem Zauber Venedigs für immer. Ich mag Begleys Erzählstil, seine feinen Beobachtungen - entsprechend angetan war ich auch von diesen fünfzig Seiten, auch wenn ich die lange Form bei ihm mehr schätze. Meiner Meinung nach spielt der Autor hier auch ganz bewusst mit dem Leser, der fast zwangsläufig nach autobiographischen Bezügen sucht.

Am meisten angesprochen und nach Venedig versetzt hat mich dann aber der nächste Teil, in dem Anka Muhlstein von ihren Lieblingsrestaurants in Venedig erzählt. Ich war fast erschrocken, wollte ihr zurufen: nicht doch, sowas verrät man doch nicht einem großen Publikum, ihr werdet in diesen Restaurants nie wieder unbehelligt sitzen können! Doch dann wurde klar, dass es einen Teil dieser Restaurants mittlerweile nicht mehr gibt, und der Rest zumindest in Feinschmecker-Reiseführern ohnehin bereits bekannt gemacht worden ist, und nun kann man sich dem Genuss hingeben, den es bedeutet, einen kulinarischen Schatz zu heben und durch treue Stammkundschaft in den Status des Einheimischen erhoben zu werden.

Es folgen Bilder der Begleys, Fotos von seinem Schreibtisch, von der Aussicht aus ihrem Hotelzimmer, Familienbilder - und schließlich noch ein Aufsatz von Begley über Venedig in der Literatur, über die Rolle der Stadt bei Proust, Joyce und Thomas Mann. Dieser Teil hat mich am wenigsten angesprochen; die Zitate sind zwar an sich interessant, auch Begleys Grundgedanke, die Bedeutung der Ortswahl herauszuarbeiten, fand meine Aufmerksamkeit, aber seine Ausführungen dazu konnten mich nicht überzeugen. Wirklich neugierig wurde ich dann erst wieder, als er ein wenig über die Entstehung von Mistlers Abschied berichtete, über seine persönlichen Gründe, die Handlung des Romans nach Venedig zu verlegen.

Insgesamt also wahrscheinlich ein Buch, an dem vor allem Begley-Fans ihre Freude haben werden, weil viel Privates über den Autor zu erfahren ist, was teilweise auch interessante Rückschlüsse auf seine Bücher zulässt. Wer vor allem an Informationen über Venedig interessiert ist, für den muss der Bericht von Anka Muhlstein ausreichen. Sehr viel Begley privat also - was bei mir die Frage offen lässt, was für ihn den Anstoß gegeben hat, sich so zu exponieren. Die guten Kontakte Denis Schecks, der diese Reihe bei Mare betreut, mögen dazu sicher ihren Teil beigetragen haben.

Louis Begley

Louis Begley wurde am 6. Oktober 1933 als Ludwik Beglejter in Polen geboren. Er studierte von 1952 bis 1959 in Harvard Literatur und Recht (gemeinsam mit John Updike). Seit 1959 arbeitet er als Anwalt. Seit 1993 ist er Präsident des amerikanischen PEN-Centers. Lügen in Zeiten des Krieges ist sein erster Roman, er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem PEN/Ernest Hemmingway Foundation Award, The Irish-Aer Lingus International Ficiton Prize und dem Médicis Prix Etranger. Louis Begley lebt in New York

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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