Louis Begley - Schmidts Bewährung

Originaltitel: Schmidt Delivered
Roman. Suhrkamp Verlag 2001
314 Seiten, ISBN: 3518412272

Albert Schmidt scheint Louis Begley sehr ans Herz gewachsen zu sein; so widmet er ihm jetzt einen zweiten Roman, die Fortsetzung zu "Schmidt".

In jenem Roman war es Schmidtie gelungen, tatsächlich mit der jungen, temperamentvollen Schönen ein Verhältnis anzufangen - am Scheitelpunkt seines Lebens, pensioniert, verwitwet, und von seiner einzigen Tochter mit der gleichgültigen Lieblosigkeit bedacht, die sie von ihm in jungen Jahren gespürt hatte.

Und diese Problematik schleppt Schmidtie auch in diesem zweiten Roman mit sich herum - wie er denn das Verhältnis zu seiner Tochter liebevoller, persönlicher gestalten könne. Denn mit deren Ehe steht es nicht zum Besten; ihr Mann wurde aus der Anwaltskanzlei geworfen, in die er durch Schmidties Intervention aufgenommen worden war, hat ein Verhältnis - und auch Charlotte hat einen neuen Partner, mit dem sie sich selbständig machen will. Und dazu braucht sie Geld - der einzige Grund, warum sie sich doch hin und wieder bei ihrem Vater blicken lässt. Allerdings will sie das Geld zu ihren Bedingungen - also ohne Einmischung, und vor allem auch ohne Ratschläge des Vaters in Kauf nehmen zu müssen.

Eine Qual für Schmidtie, der zu aktiven Zeiten für eben diesen Rat hoch bezahlt wurde, mit ansehen zu müssen, dass seine Tochter nichts machen würde, was er vorschlägt - eben weil der Vorschlag von ihm kommt. Und eine Qual auch mit ansehen zu müssen, wie sie sich bei den Vorbereitungen zur Scheidung von ihrem Mann über den Tisch ziehen lässt, ihr Eigentum nicht verteidigt.

Anders als seine Tochter will Carrie, seine junge und schöne Freundin, kein Geld von ihm annehmen. Sie liebe schließlich ihn, und nicht sein Geld, teilt sie ihm immer wieder mit. Aber heiraten will sie ihn trotzdem nicht.

Vielleicht, weil sie im Hinterkopf ahnt, dass eines Tages vielleicht ein Jüngerer kommt, mit dem sie leben will?

Genau davor warnen ihn seine Freunde immer wieder. Er müsse ihr etwas bieten, mit ihr ausgehen; und weil er es nicht macht, nutzt einer seiner Freunde die Gelegenheit für sich ...

Er ist zugänglicher geworden, der gute Schmidtie - auch wenn er nach wie vor sehr reserviert bleibt, seine Vorurteile gegen Juden pflegt (und einen Juden seinen besten Freund nennt), und die einzigen Gespräche, die er mit seiner Tochter führt, genauso gut ein Gespräch zwischen Anwalt und Klient darstellen könnten.

Dabei gibt er sich wirklich Mühe, sie zu verstehen, ihr zu helfen; aber die Hilfe, die er anzubieten hat, will sie nicht annehmen.

Diese Problematik stand für mich beim Lesen noch viel stärker im Vordergrund als die Liebesbeziehung zu Carrie, der der Hauptplatz eingeräumt wird. Doch während diese Liebesbeziehung spätestens beim Auftauchen des Nebenbuhlers ein gar zu altruistisches Bild des Protagonisten zeichnet, bleibt die schwierige Vater - Tochter- Auseinandersetzung so eindringlich lebendig, dass man Louis Begley zu diesem Meisterwerk an Einfühlungsvermögen nur gratulieren kann.

All das, was über die Jahre hinweg an Ressentiments, an eingefahrenen Verhaltensmustern angehäuft wurde, zeigt er schonungslos auf - und lässt trotz all der Kälte im Ton auch spüren, wie sehr Vater und Tochter an ihrer Liebe zueinander leiden.

An seine besten Romane (Lügen in Zeiten des Krieges, Der Mann, der zu spät kam) reicht "Schmidts Bewährung" nicht heran. Aber wären nicht diese allzu selbstlosen Züge, wenn es um sein Verhältnis zu Carrie geht, und einige Längen in seinen Phantasien zwischendurch, ich könnte diesen Roman uneingeschränkt empfehlen.

Louis Begley

Louis Begley wurde am 6. Oktober 1933 als Ludwik Beglejter in Polen geboren. Er studierte von 1952 bis 1959 in Harvard Literatur und Recht (gemeinsam mit John Updike). Seit 1959 arbeitet er als Anwalt. Seit 1993 ist er Präsident des amerikanischen PEN-Centers. Lügen in Zeiten des Krieges ist sein erster Roman, er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem PEN/Ernest Hemmingway Foundation Award, The Irish-Aer Lingus International Ficiton Prize und dem Médicis Prix Etranger. Louis Begley lebt in New York

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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