Louis Begley - Schiffbruch

Originaltitel: Shipwreck
Roman. Suhrkamp Verlag 2003
279 Seiten, ISBN: 3518414755

Zwei Männer, die sich zufällig an einer Bar treffen - das ist noch nicht ungewöhnlich. Dass diese Fremden sich ihre Lebensgeschichte erzählen, ist zwar nicht die Regel, aber durchaus üblich. Sein Gegenüber jedoch schon vor der Vorstellung mit der Frage zu überfallen, ob er ihm eine Geschichte erzählen könne, die kein Mensch zuvor gehört hätte, ist schon sehr offensiv - und wäre der Autor des Buches nicht Louis Begley, ich hätte wahrscheinlich erstmal nicht weitergelesen.

Doch die nächsten Seiten versöhnen mit der etwas plumpen Einführung; John North, so heißt der redselige Mann, ist Schriftsteller. Seine Bücher werden von der Kritik gelobt, in fremde Sprachen übersetzt - und zu Beginn seiner Geschichte ist gerade sein neuestes Buch in Frankreich erschienen, weswegen er für ein bisschen Promotion nach Paris gereist ist. Am Nachmittag hatte er einer jungen, gut informierten Journalistin ein Interview gegeben, hatte ihr auch auf die immer wiederkehrende Frage geantwortet, ob seine Bücher autobiographisch wären.

Abends trifft er sie überraschend wieder, bei einem Abendessen eines befreundeten Paares - aber aus der Intellektuellen in Rollkragenpulli, schwarzumrandeter Brille und Jeans ist eine ausgesprochen attraktive, sexy junge Frau geworden, die ihre Ausstrahlung auch gekonnt einzusetzen weiß.

Obwohl North sehr glücklich verheiratet ist und auf keinen Fall seine Beziehung zu Laura aufs Spiel setzen möchte, wird der Reiz immer größer, mit Léa ins Bett zu gehen, wilden Sex zu haben - es wird ihm leicht gemacht. Die Verleihung eines großen Literaturpreises und das Medieninteresse, das daraus resultiert, bringt ihn auch mit Léa nochmals in Kontakt; aber nicht er ist es, der sie verführt, sondern sie, die sich nimmt, was sie will.

Er ist nicht der Einzige, das ist ihm klar, das betont sie auch immer wieder; ein Grund mehr für ihn, auf ihre Diskretion zu bauen. Und auch wenn er im Herbst für die Verfilmung seines Romans für längere Zeit nach Paris muss, glaubt er doch, die Affäre in diesen paar Tagen abgetan zu haben.

Doch Léa hat anderes vor; das merkt er, als er zurück in New York ist. Laufend sind Nachrichten von ihr auf dem Anrufbeantworter, und eines Tages ist sie auch da, will ihn sehen, will am liebsten auch seiner Frau vorgestellt werden - und North merkt, dass er die Kontrolle über diese Affäre verloren, ja, wahrscheinlich nie gehabt hatte...

Die Frage nach den autobiographischen Bezügen in seinen Büchern wird Louis Begley auch immer wieder gestellt; gerade sein erstes Buch, "Lügen in Zeiten des Krieges", hat auch viel mit seiner eigenen Vergangenheit zu tun. Die Antwort, die er seinen Schriftsteller hier geben lässt, entspricht auch seiner eigenen; Begley spielt hier aber im ganzen Buch immer wieder mit seiner eigenen Geschichte, mit den Preisen, die auch seine Bücher gewonnen haben, der Verfilmung eines seiner Werke; immer als Inspirationsquelle, als Anlehnung, als Zitat.

"Schiffbruch" ist ein Buch für belesene Leser; mehr oder weniger verdeckte Zitate aus Werken der Weltliteratur laden zum Entdecken ein, es wird vorausgesetzt, dass man den Inhalt der wichtigsten Werke von Henry James, Charles Dickens, George Eliot etc. kennt.

Begley ist für mich ein Autor, der gerade auf dieser intellektuellen Ebene wunderbare Bücher schreibt, der erzählen kann, der zum Beispiel sein Verhältnis zu Laura, das Schriftstellerleben, die Fragen der Reporter, ganz grandios zu Papier kriegt.

Auch die eigentlich nicht notwendige Erzählstruktur - John North, der dem Ich-Erzähler an der Bar berichtet - ist zwar manchmal irritierend, gerade zu Beginn, und stört zwischendurch auch manchmal, aber insgesamt hat der Autor die Gelegenheit genutzt, eine weitere Reflektionsebene zum Text hinzuzufügen.

Anders sieht es aber aus, wenn er Leidenschaft schildern will. Die kann ich ich ihm einfach nicht abnehmen; und da das Buch diese unkontrollierbare sexuelle Anziehungskraft zwischen Léa und North als zentrales Thema hat, liegt für mich hier auch das Problem, warum "Schiffbruch" dann doch kein absolut überragendes Buch für mich ist, sondern nur "gut".

Louis Begley

Louis Begley wurde am 6. Oktober 1933 als Ludwik Beglejter in Polen geboren. Er studierte von 1952 bis 1959 in Harvard Literatur und Recht (gemeinsam mit John Updike). Seit 1959 arbeitet er als Anwalt. Seit 1993 ist er Präsident des amerikanischen PEN-Centers. Lügen in Zeiten des Krieges ist sein erster Roman, er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem PEN/Ernest Hemmingway Foundation Award, The Irish-Aer Lingus International Ficiton Prize und dem Médicis Prix Etranger. Louis Begley lebt in New York

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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