Louis Begley - Mistlers Abschied

Originaltitel: --
Roman. Suhrkamp Verlag 1998
284 Seiten, ISBN: 3518410008

Thomas Mistler ist Chef einer großen Werbeagentur in New York, seit Jahren verheiratet mit Clara, ein erwachsener Sohn, Sam. Doch nun eröffnet ihm sein Arzt, er hätte Leberkrebs und nur noch wenige Monate zu leben.

Noch bevor er seiner Familie Bescheid gibt, reist er - unter einem Vorwand - nach Venedig. Einzig seinem Anwalt erzählt er davon, damit dieser die Vorkehrungen für den Verkauf der Firma anderweitig regeln kann.

Als er in Venedig in sein übliches Hotel kommt, wird ihm bedeutet, "La Signora" würde schon auf ihn warten. Äußerst verwundert stellt er fest, daß Lina, eine junge Frau, die er am Vorabend seiner Abreise kennenlernte, ihm nachgereist ist. Er läßt sich von ihr verführen, verbringt einige Tage mit ihr. Er merkt, wie ihn seine Kräfte bereits hin und wieder im Stich zu lassen beginnen, und er in Gedanken immer wieder in die Vergangenheit abschweift. Sein Verhältnis zu Lina ist sehr oberflächlich - sie erregt ihn, aber er interessiert sich nicht für sie, weswegen sie dann auch Hals über Kopf abreist.

Am selben Abend trifft Mistler in einerm zwielichtigen Lokal auf seinen alten Freund Abarney, der ihn zu einem Mittagessen bei seiner Gastgeberin einlädt - die sich al Mistlers Jugendliebe Bunny herausstellt.... Wann passiert denn mal was? Das habe ich mich gegen Ende des Buches immer mehr gefragt. Ich war etwas enttäuscht, hatte mir mehr erwartet, die ich die anderen Bücher von Begley sehr schätzen gelernt habe.

Das Buch ist sehr rasch gelesen, weil es eigentlich wenig Inhalt habt. Es besteht hauptsächlich aus Mistlers endlosen Gedankenmonologen.

So schreibt er - gedanklich - einen Brief an seinen Sohn Sam, in der er endlich über anderes als über Geld spricht.

Seitenweise sind auch Erklärungen zu finden, wie man sich richtig kleidet oder in Gesellschaft verhält. Dieses Verweilen an Oberflächlichkeiten hat mich bald genervt.

In einem seiner Gedankenmonologe erfährt man auch, daß seine Frau ihn einst mit seinem früheren Freund und Geschäftspartner Peter betrogen hat. Mistlers Reaktion darauf ist kalt und berechneend - er verbietet beiden, sich wiederzusehen, und vertreibt Peter aus der Firma. Das Verhältnis zu seiner Frau bleibt, wie es war - und dadurch demütigt er sie.

Es hat mich auch gestört, daß er seinem Anwalt von seiner Krankheit erzählt - seiner Frau aber nicht.

Sein Verhalten Lina gegenüber ist genauso ekelhaft - er verabscheut sie eigentlich, findet ihre Erscheinung schlampig. Er merkt auch nicht, warum Lina so verschnupft reagiert, als er ihr bei der Besichtigung eines Gemäldes, das den gerösteten Lazarus zeigt, immer darauf herumreiet, Lazarus würde in die Leber gestochen. Hätte er Lina erzählt, an welcher Krankheit er leidet, wäre das wohl anders gelaufen.

Den letzten Teil mit seiner Jugendliebe Bunny empfand ich als ausgesprochen langweilig und nichtssagend.

Die Figur Mistler war mir absolut unsympathisch - gemocht habe ich in diesem Buch nur die frühere Geliebte seines Vaters, die in einer Nebenrolle auftaucht.

Und noch ein Detail, das ich als etwas irritierend empfand: die vielen ähnlich klingenden Namen.

Alles in allem - vor allem im Vergleich mit "Lügen in Zeiten des Krieges" oder "Der Mann, der zu spät kam" - eher enttäuschend.

Louis Begley

Louis Begley wurde am 6. Oktober 1933 als Ludwik Beglejter in Polen geboren. Er studierte von 1952 bis 1959 in Harvard Literatur und Recht (gemeinsam mit John Updike). Seit 1959 arbeitet er als Anwalt. Seit 1993 ist er Präsident des amerikanischen PEN-Centers. Lügen in Zeiten des Krieges ist sein erster Roman, er wurde mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u.a. mit dem PEN/Ernest Hemmingway Foundation Award, The Irish-Aer Lingus International Ficiton Prize und dem Médicis Prix Etranger. Louis Begley lebt in New York

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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