Jurek Becker - Schlaflose Tage

Originaltitel: Schlaflose Tage
Roman. Suhrkamp Verlag 1978
154 Seiten, ISBN: 3518371266

Ganz unverhofft verspürte Simrock das erste Mal sein Herz schmerzen. Dabei war er doch noch so jung! Doch so beunruhigend das Gefühl für ihn selbst auch war, so wenig beeindruckt zeigte sich seine Frau Ruth. Das wäre normal, wiegelt sie ab; sie selbst kenne diesen Schmerz schon von vielen Gelegenheiten.

Es ist nur eine erste kleine Irritation, die aber bei Simrock dazu führt, dass er anfängt, sich und seine Umgebung in Frage zu stellen. Ist seine Ehe mit Ruth noch auf Liebe gegründet, oder ist es die Bequemlichkeit, die mittlerweile überwiegt? "Trotz Nichtübereinstimmung akzeptiert werden, darauf beharren dürfen, ohne den Liebesentzug zu riskieren. Das Gefühl haben, dass Widerspruch nicht nur geduldet wird, dass er gebraucht und erwartet wird, um nur ja nicht seine Ursachen zu übersehen. So könnte die Liebe sein." So könnte sie sein für Simrock - aber nicht mehr mit Ruth. Nachdem seine Versuche, einen Streit herbeizuführen, ihm selbst lächerlich erscheinen, trennt er sich von ihr, zieht wieder zu seiner Mutter, da es Jahre dauern würde, bis er eine Wohnung zugesprochen bekäme.

War seine Entscheidung, Lehrer zu werden, richtig gewesen? Welche Ansprüche stellte er selbst an sich? Was wollte er vermitteln? Mit seinem Mut zum Zweifel eckt er in einem System an, das seine Grundsätze keiner Prüfung unterzogen wissen will. Besonders auffällig wird das, nachdem seine neue Freundin Antonia in Ungarn bei einem Fluchtversuch gefasst worden war...

Auch wenn die politischen Umstände, die eine Figur wie den hier geschilderten Simrock in ihrer Konsequenz erst möglich machten, nicht mehr existiert, ist dieser kurze Roman trotzdem nicht nur als Spiegel einer vergangenen Zeit interessant. Die Analyse, der Simrock sich selbst unterzieht, ist gerade dadurch interessant, dass der Protagonist per se eigentlich kein politisch interessierter oder aktiver Mensch ist - alles, was er will, ist Lauterkeit in den eigenen Motiven, nicht stecken bleiben in der Bequemlichkeit, mit der man sich im Leben eingerichtet hat.

Wie seine Umgebung, in diesem Fall die Schule vertreten durch Kabitzke darauf reagiert, ist zwar heute nicht so recht vorstellbar. Auch Ruths Reaktion auf seine Äußerung, er wünsche die Trennung, ist in ihrer Konsequenz und Nüchternheit für mich nicht ganz nachvollziehbar - aber das bleibt auch nebensächlich.

Denn was mich an diesem Buch wirklich begeistert hat ist die ausgesprochen präzise Sprache. Bis ins Detail wird auf intellektueller Ebene seziert, welche Motivation hinter den einzelnen Handlungen steckt, wo sich Mut und Aufrichtigkeit in Bequemlichkeit wandeln. Für mich definitiv nicht das letzte Buch von Becker!

Jurek Becker

Jurek Becker , 1937 in Lodz geboren, starb am 14. März 1997 in Berlin. Im Herbst 1976 hat er, seit 1957 Mitglied der SED, die Biermann-Petition unterschrieben, wird daraufhin aus der Partei ausgeschlossen und tritt 1977 aus dem Schriftstellerverband der DDR aus. Eine Veröffentlichung des Romans "Schlaflose Tage" wird abgelehnt. Er lebt ab Ende 1977 mit einem Visum im Westen, das bis zum Ende der DDR immer wieder verlängert wird. Er schrieb Romane, Erzählungen, Filmdrehbücher. Sein "Liebling Kreuzberg" gehört zu den erfolgreichsten deutschen Fernsehserien.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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