John Bayley - Elegie für Iris

Originaltitel: Elegy for Iris
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2000
259 Seiten, ISBN: 3423085606

Sie waren ein Paar, das im Laufe ihrer Ehe enger und enger auseinanderrückt, wie sie es selbst empfanden; zusammen, ohne sich ständig der Gegenwart des anderen zu versichern, füreinander da, ohne in ein bemutterndes Kümmern zu verfallen - und dann erkrankt Iris Murdoch an Alzheimer. Sie, deren Welt die Sprache war, die 26 erfolgreiche Romane geschrieben hatte, musste mit ansehen, wie ihr die Worte immer weiter entglitten, wie ihr altes Leben in einen undurchdringlichen Nebel gehüllt wurde. Und unmerklich wird aus dem unabhängigen Paar eine aufs engste aneinandergeschmiedete Gemeinschaft; immer ist Iris nun um ihn herum, folgt ihm auf Schritt und Tritt. Und er, bislang immer der Abhängigere von den Beiden, pflegt sie bis zum Schluss.

Auf unprätentiöse Weise gelingt es John Bayley, dem Leser das Erkranken, den schleichenden Prozess des Verfalls zu schildern, ohne allzu sentimental zu werden. Immer wieder gibt es die Rückblenden auf den Beginn ihres gemeinsamen Lebens, auf die junge Iris, die in Oxford Philosophie lehrte, auf ihre Affären, auf den Mann, dessen Zauber sie nur schwer entrinnen konnte (wie in "Die Flucht vor dem Zauberer" beschrieben) - Elias Canetti. Aber all die bekannten Namen sind nur ein Beiwerk, illustrieren nur umso deutlicher den Unterschied zu ihren letzten Jahren, als sie keinen ihrer damaligen Freunde mehr erkannte, nur hin und wieder ein Detail zu ihr durchdringen konnte.

Ihr gemeinsames Lachen, ihr Scherzen und Herumgealbere, das die Beziehung von Anfang an von Iris´ sonstigen Freundschaften unterschieden hatte, ist der einzige Weg, wie John die Kommunikation mit ihr aufrecht erhalten kann; zu einer Zeit, als Worte die Bedeutung schon verloren hatten, war der Tonfall, ein Lachen, etwas, worauf sie noch reagierte.

Der Eindruck, John Bayley hätte in engelsgleicher Manier in Gleichmut und Hingabe seine Frau gepflegt, macht er immer wieder selbst zunichte, indem er erklärt, wie ihn die Situation oft überforderte, wie ihn die plötzlichen Anhänglichkeit auch belastete, wie gefangen auch er sich fühlte. Und genau diese Stellen sind es auch, die das Buch insgesamt zu einer so intensiven Erfahrung werden lassen: die Ehrlichkeit, von der es zeugt, das Zugeständnis, kein Übermensch zu sein, den geliebten Menschen manchmal am liebsten auf den Mond zu schießen, wieder frei zu sein in den Entscheidungen - und doch zu bleiben, weiterzumachen.

Es ist eine Liebeserklärung an eine Frau, ein gemeinsames Leben - das in der vorliegenden Form von Iris Murdoch nicht mehr verstanden werden konnte. Aber das war zu diesem Zeitpunkt auch nicht mehr wichtig; denn den ganz großen Beweis von der Kraft einer langen, glücklichen Beziehung, den hatte sie erlebt.

Die Schriftstellerin Iris Murdoch ist im deutschen Sprachraum nur wenig bekannt; die Verfilmung des Buches ihres Ehemanns, "Elegie für Iris" läuft nun mit Judi Dench und Kate Winslett in den Hauptrollen im Kino. Ein Film, der das Wesen des Buches sehr gut einfängt, berührt, ohne rührselig zu sein - und der hoffentlich dazu beiträgt, das Interesse an der Autorin zu wecken.

Im Herbst 2002 wird die Biographie von Iris Murdoch auf Deutsch erscheinen; Peter Conradi ist auch "Elegie für Iris" gewidmet, sein Name wird im Buch häufig erwähnt. Man darf sich also schon jetzt darauf freuen, von ihm noch das zu erfahren, was Bayley in seinem Bericht zwar gestreift, aber nicht weiter ausgeführt hat: Iris´ Kontakte zu den führenden Geistesgrößen ihrer Zeit.

John Bayley

John Bayley wurde 1925 in Indien geboren, absolvierte Eton und Oxford und diente im Zweiten Weltkrieg bei den Grenadier Guards. 1955 wurde er Fellow des New College in Oxford und unterrichtete Englisch. Im gleichen Jahr heiratete er die Schriftstellerin Iris Murdoch, die zu dieser Zeit am St. Anne´s College Philosophie lehrte. 1973 wurde Bayley zum Warton Professsor am St. Catherine´s College ernannt. John Bayley hat zahlreiche wissenschaftliche Werke verfasst, von denen vor allem "The Characters of Love", "Pushkin - A Comparative Commentary" sowie "Shakespeare and Tragedy" Beachtung fanden. Er hat des weiteren über Thomas Hardy, Jane Austen und Henry James geschrieben und eine Geschichte der Short Story vorgelegt. Sein jüngster Roman, "The Red Hat", ist im Mai 1998 bei St. Martin´s Press erschienen. Er veröffentlicht regelmäßig Buchrezensionen in der New York Review of Books. Bayley lebt in Oxford.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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