Julian Barnes - Darüber reden

Originaltitel: Talking it over
Roman. Kiepenheuer & Witsch 1991
250 Seiten, ISBN: 3499221365

Drei sind einer zu viel.

Zuerst gab es nur Stuart und Oliver - Freunde schon seit Schultagen, auch wenn sie unterschiedlicher nicht sein könnten.

Oliver, der Extravagante mit der geschwollenen Sprache, den exzentrischen Gewohnheiten, notorisch in Geldnöten und mit einem seine Intelligenz eigentliche beleidigen Job auf der einen Seite - auf der anderen Stuart, der mit seinen knapp Dreißig schon wesentlich älter wirkt, der immer leicht unbeholfen ist, keinen nennenswerten Erfolg bei Frauen hat, eine solide Karriere als Banker vor sich hat, und im Großen und Ganzen ziemlich konventionell und langweilig ist.

Doch dann kommt die Dritte ins Spiel: Gillian. Stuart hatte sie kennen gelernt, sich in sie verliebt, und sie sich in ihn. Im ersten Sommer ihrer jungen Beziehung nehmen sie Oliver immer wieder mit - denn dieser hat gerade eine schlimme Phase, hat wegen sexueller Belästigung seinen Job verloren. Sie wären wie Figuren in einem Wetterhäuschen, hatte Stuart einmal festgestellt - es kann immer nur einer von ihnen an der Sonne sein. Bisher schien Oliver diesen Sonnenplatz gepachtet zu haben, doch nun haben sich die Vorzeichen geändert.

Stuart und Gillian heiraten. Und an ihrem Hochzeitstag merkt Oliver, dass er sich unsterblich in Giliian verliebt hat.

Er beginnt, sie immer wieder zu besuchen, ihr bei der Arbeit zuzusehen, mietet sogar ein Zimmer im Haus gegenüber. Und er ruft sie an. Täglich. Um ihr immer wieder zu sagen, dass er sie liebt, und darauf wartet, dass sie die Verbindung trennt.

Bis der Tag kommt, an dem sie den Hörer nicht mehr auflegt...

Hier kommen sie alle drei zu Wort, die Akteure in diesem Drama: Stuart, Oliver und Gillian. Jeder erzählt, wie sich alles entwickelt, wie es dazu kommen konnte, dass Oliver seinem besten Freund die Frau ausspannt. Gewürzt wird das dann von den Kommentaren einiger Randfiguren - Schwiegermutter, Nachbarn, Zimmerwirtin, eine frühere Freundin.

Und aus all diesen bunten Mosaiksteinchen setzt sich eine Geschichte um Freundschaft, Liebe und Verrat zusammen.

Ich als Leser habe dabei natürlich durchaus meine Sympathien und Antipathien entwickelt. So ist mir Stuart in seiner umständlich-altmodischen Art durchaus ans Herz gewachsen - auch wenn er eigentlich wirklich ziemlich langweilig ist.

Dass Gillian irgendwann gar nicht mehr anders kann, als Olivers Werben nachzugeben, seinem Charme zu verfallen, ist auch klar. Dabei mochte ich diesen Oliver nicht besonders - ein Mensch der Kategorie: Notorischer Schwätzer. So wie Gillian irgendwann wunderbar beschreibt, dass sie für Oliver ein Filtersystem besitzt, das aus dem unerschöpflichen Wortstrom gerade soviel rausfiltert, um die Konversation am Laufen zu halten, ging es mir auch beim Lesen: Die Oliver-erzählt-Passagen haben mich oft ganz schön genervt.

Dass schlussendlich in diesem Buch keiner wirklich glücklich ist, war zwar vorauszusehen. Aber dennoch ist die letzte Konsequenz traurig zu lesen.

Zumal einem die Protagonisten im Laufe der Zeit wirklich vertraut werden - hier ist dem Autor gelungen, den Charakter seiner Figuren plastisch werden zu lassen.

Eine lohnenswerte, streckenweise überraschende Lektüre - mit einem Schluss, der mich noch eine Weile beschäftigen wird.

Julian Barnes

Julian Barnes, 1946 geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen zunächst als Lexikograph und dann als Journalist. Julian Barnes, der für sein Werk zahlreiche europäische und amerikanische Preise erhielt, hat seit 1980 sieben Romane vorgelegt, darunter "Flauberts Papagei". Er lebt in London

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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