Julian Barnes - Liebe usw.

Originaltitel: Love, etc
Roman. Kiepenheuer & Witsch 2002
354 Seiten, ISBN: 3462030760

Nach 10 Jahren begegnen wir ihnen wieder: Gillian, Stuart und Oliver. Vor 10 Jahren hatte Stuart sich in Gillian verliebt, sie geheiratet - und dann an Oliver verloren, der sich ausgerechnet bei der Hochzeit in die Frau seines besten Freundes verlieben musste. Nein, es ging nicht über Nacht, damals - aber so rasch kam Oliver nicht darüber hinweg. Sogar nach Frankreich war er seinen früheren Freunden gefolgt, die mittlerweile auch ein Kind hatten. Und um ihn von seiner Liebe zu heilen inszenierte Gillian einen heftigen Ehestreit - so heftig, dass Oliver sie auf der Straße schlug. Vor Stuarts Augen. Der natürlich nicht wusste, dass Gillian wusste, dass er hinter dem Hotelfenster stehen würde.

Und jetzt, 10 Jahre später, sind sie alle wieder in England. Gillian und Oliver hatten noch eine zweite Tochter bekommen. Gillians Karriere verläuft gut; ihr Atelier (sie restauriert alte Bilder) ist gefragt, sie musste noch eine Assistentin einstellen. Und diesen Erfolg braucht sie auch - schließlich ist sie es, die die Familie finanziell über Wasser hält. Oliver? Oh ja, Oliver hat nach wie vor seine großen Projekte. Und nach wie vor redet er mehr darüber, als sie auszuführen.

Stuart hingegen hat jahrelang in den Staaten gelebt. Und war erfolgreich. Sehr erfolgreich. So dass er nun finanziell nicht nur abgesichert ist, sondern reich. Er hatte auch geheiratet in den USA; Terry. Aber wirklich vergessen konnte er Gillian in all der Zeit nicht.

Nein, Stuart kann es nicht mit ansehen, wie seine Freunde jetzt leben. Er wird ihnen helfen. Nicht als Almosengeber, selbstverständlich. Natürlich sollen sie angemessene Miete zahlen für das Haus - das er einst mit Gillian bewohnt hatte. Aber er wird ihnen dabei helfen, monatlich die nötige Summe aufzubringen; Oliver wird einen Job bei ihm bekommen.

Und langsam verwickelt sich wieder, was über die Jahre so schön getrennt erschien; nur sind die Karten diesmal anders gemischt...

Wie schon in "Talking it over / Darüber reden" erfährt der Leser auch hier alles direkt von den Protagonisten. Jeder der drei erzählt ihm seine Version der Geschichte. Anfangs lesen sie auch untereinander, was uns mitgeteilt wurde, stellen aber rasch fest: so geht das nicht. So wird das nichts.

Aber nicht nur diese drei kommen zu Wort; auch Gillians Mutter und Stuarts amerikanische Exfrau tragen ihre Version der Geschichte bei.

Klar, dass man anfangs vor allem Stuart zu schätzen weiß; Stuart, der trotz der vielen Verletzungen, die ihm zweifellos zugefügt wurden, so hilfsbereit ist. Der sich wirklich Gedanken macht. Der sich auch um die Kinder kümmert. Und nebenbei eine belanglose Affäire mit Gillians Assistentin beginnt.

Dass Oliver nervt, war ja schon im letzten Buch deutlich. Wie kann ein einzelner Mensch nur so viel Blödsinn schwafeln und dabei noch so überzeugt davon sein, dass er rundherum gemocht, akzeptiert und hoch geschätzt wird? Ja, Oliver und seine Klugscheißerei, Oliver und sein Sarkasmus, Oliver und seine nicht angebrachte Überheblichkeit machen ihn automatisch zum großen Unsympathler in dieser Geschichte. Aber ganz so einfach ist die Sache dann auch wieder nicht!

Wie der Autor es hier durch diese permanente direkte Ansprache der Leser durch drei Menschen, von denen jeder versucht, ihm seine Version glaubhaft beizubringen, schafft, die Sympathiewerte nach Belieben zu verschieben, das Verständnis subtil zu manipulieren - das ist wirklich ein ganz großer Genuss.

Und zu unserem großen Glück bleibt auch dieses Ende offen. Bleibt nur zu hoffen, dass es irgendwann weitergeht mit dem Bericht aus dem Leben von Gillian, Oliver und Stuart.

Julian Barnes

Julian Barnes, 1946 geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen zunächst als Lexikograph und dann als Journalist. Julian Barnes, der für sein Werk zahlreiche europäische und amerikanische Preise erhielt, hat seit 1980 sieben Romane vorgelegt, darunter "Flauberts Papagei". Er lebt in London

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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