Julian Barnes - England, England

Originaltitel: England, England
Roman. Kiepenheuer & Witsch 1998
345 Seiten, ISBN: 3462028308

Sir Jack Pitman vergleicht sich selbst gern mit Beethoven - ein großer Mann!

Aber er möchte auch noch sein ganz großes Werk, seine 9. Symphonie erschaffen. So tüftelt er mit seinem Team eine geniale Idee aus - England soll auf einer eigenen kleinen Insel nachgebildet werden. Dazu wird die Isle of Wight auserkoren. Hier bildet er - nach einer weltweiten Umfrage, was die zukünftigen Besucher mit "England" verbinden - Stonehenge, den Tower, Buckingham Palace, die Klippen von Dover, kurz: alle Touristenattraktionen nach. Lebensecht natürlich, vielleicht etwas verkleinert - aber auf alle Fälle für den Besucher wesentlich einfacher zu besichtigen. Im Wald kampiert Robin Hood mit seiner Mannschaft, durch kleine Guckfenster kann man dem Treiben in den Höhlen zusehen. Schmuggler gibt es an der Küste, Schäfer treiben niedliche Schafe übers Land, und in den Pubs darf natürlich lauwarmes Bier (80 Sorten) nicht fehlen. Sogar die königliche Familie hatte sich zu einem Umzug überreden lassen.

Für Sir Pitman hat die Sache erstmal nur einen Haken: er, der alles ausgeheckt hat, kann seinen Triumph nun gar nicht richtig genießen, denn seine Assistenten Martha und Paul haben ihn geschickt ausgetrickst und halten nun an seiner Stelle die Geschicke des neuen Landes in ihren Händen...

Ich hatte mich nach der Verlagsvorschau und aufgrund der Inhaltsangabe unglaublich auf diese Buch gefreut - das ausgesprochen ansprechende Cover tat sein übriges dazu.

Beim Lesen war ich allerdings enttäuscht. Wenn ich mir im Nachhinein den Inhalt des Buches vor Augen halte, kommen mir zwar unzählige witzige, kuriose, sympathische Einfälle in den Sinn; aber während der Lektüre selbst gehen diese Perlen beinahe unter.

Es war ein wenig langatmig - die Sprache kein mitreißender Fluß, eher ein zäher Strom. Zwischendurch gab es gerade zwischen Martha und Dr. Max, dem Historiker, sehr gelungene Dialoge, die auch ein wenig Freude bereiten; dann die nicht einmal zur Gänze aus der Luft gegriffene Vorstellung, die Isle of Wight vom Mutterland loszusagen und einen eigenen Staat zu bilden - wie schon erwähnt, es gibt viele nette Ansätze. Aber das erwartete große Vergnügen blieb leider aus.

Julian Barnes

Julian Barnes, 1946 geboren, arbeitete nach dem Studium moderner Sprachen zunächst als Lexikograph und dann als Journalist. Julian Barnes, der für sein Werk zahlreiche europäische und amerikanische Preise erhielt, hat seit 1980 sieben Romane vorgelegt, darunter "Flauberts Papagei". Er lebt in London

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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