Pat Barker - Der Eissplitter

Originaltitel: Border Crossing
Roman. dtv Der TaschenbuchVerlag 2003
239 Seiten, ISBN: 3423243511

Dass Danny Miller ausgerechnet auf dem Weg, auf dem Tom Seymor mit seiner Frau spazieren geht, ins Wasser springt um Selbstmord zu verüben, hält Tom für einen zu großen Zufall, um glaubwürdig zu sein. Auch wenn er ihn nicht auf Anhieb wiedererkennt: er ist Danny Miller schon einmal begegnet. Damals war dieser 10 Jahre alt und Tom sollte ein Gutachten darüber erstellen, ob Danny für den Mord an einer alten Frau zur Verantwortung gezogen werden konnte.

Danny war auf dieses Gutachten hin vor einem Erwachsenengericht verurteilt worden. Nun ist er also wieder auf freiem Fuß, mit einer neuen Identität ausgestattet, und möchte mit Tom gemeinsam die Vergangenheit für sich selbst begreifbar machen.

Bei aller Skepsis spürt Tom doch, dass er diesen Fall auch für sich abschließen muss, und lässt sich somit darauf ein. Stück für Stück erzählt Danny seine Kindheit und nähert sich schrittweise dem Mord – aber erzählt er wirklich die Wahrheit? In den Gesprächen, die Tom parallel mit den Menschen führt, die Danny während seiner Schulzeit kennen gelernt hatten wird immer klarer, dass Danny die Menschen in seiner Umgebung dazu bringt, Grenzen zu überschreiten...

Ein Kind, das einen Mord begeht – wie kann es soweit kommen? Ist dem Kind bewusst, was es tat? Ist so ein Mensch von Grund auf böse? Und kann der Mensch sich ändern? Mit diesen Fragen konfrontiert die Autorin den Leser gleich zu Beginn ihres Buches.

Sie lässt auch Tom Seymor Erinnerungen ausgraben, die ihn als grausamen zehnjährigen zeigen; als Leser hoffte ich dann auf eine echte Verbindung, eine Vertiefung des Themas – doch leider blieb es bei der Andeutung, und dann war schon der nächste Themenkomplex an der Reihe, Manipulation, und auch hier hatte ich auf tiefergehende Ausreizung gehofft.

Einerseits merkt man , dass die Autorin zu deutlich mehr in der Lage ist als nur einen guten Krimi oder Thriller zu schreiben; „Der Eissplitter“ enthält zwar viele Elemente aus der Spannungsliteratur, ist aber trotzdem nicht dem Genre zuzuordnen. Nicht die Aufklärung eines Falles sondern die Psychologie steht im Vordergrund.

Da Pat Barker sich aber in der Trickkiste des Krimis bedient ist es dann doppelt enttäuschend, dass nicht nur die angeschnittenen Themen zu oberflächlich behandelt werden, sondern auch die kriminalistische Auflösung nicht der Rede wert ist.

Gut zu lesen, spannend, intelligent, auch mit interessanten Gedankenanstößen – aber trotzdem blieb bei mir ein großes Leere-Gefühl zurück. Ich hatte von dem Buch mehr erwartet.

Pat Barker

Pat Barker wurde 1943 in Thornaby-on-Tees geboren. Sie stammt aus einer Arbeiterfamilie, studierte an der London School of Economics und unterrichtete Geschichte und Politik. Ihr erster Roman wurde unter dem Titel „Stanley und Iris“ verfilmt. Berühmt wurde sie mit ihrer Trilogie über den ersten Weltkrieg, die ua mit dem Booker Prize und dem Guardian Fiction Prize ausgezeichnet wurde.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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