Alessandro Baricco - City

Originaltitel: City
Roman. Piper Verlag 1991
330 Seiten, ISBN: 3446199047

Ein dreizehnjähriger Junge - Gould - der, wie man sagt, ein Genie ist und eines Tages den Nobelpreis gewinnen wird (welchen? er könnte jeden haben) ist sicherlich nicht alltäglich. Seine Freunde Poomerang und der Diesel sind auch nicht alltäglich - stumm der eine, riesig der andere. Was soll so ein Junge mit einem normalen Kindermädchen?

Eben. Deswegen ist Shatzy Shell (hat nichts mit Benzin zu tun) an dieser Stelle schon goldrichtig, denn ihre Vorstellungen vom Leben gehen auch nicht unbedingt mit denen der großen Masse konform. Einen Western will sie machen und zeichnet alle Einfälle mit einem kleinen Kassettenrekorder auf. Ein toller Western, den sie da im Kopf hat - mit den Dolphin-Schwestern, die mit einem Schuss den Herzbuben aus einem in die Luft geworfenen Kartenspiel treffen können, die in einem Goldgräberstädtchen leben, in dem die Zeit im wahrsten Sinne des Wortes stehen geblieben ist. In so einer Stadt ist es nur natürlich dass ein Mann, der antritt, eine Uhr zu reparieren, für ein Duell gerüstet sein muss.

Gould dagegen, dessen Vater beim Militär ist und meilenweit von ihm weg wohnt, während seine Mutter schon vor längerer Zeit in eine psychiatrische Anstalt eingeliefert wurde, Gould also spinnt das weiter, was er als einziges mit seinem Vater gemeinsam gemacht hatte: Boxkämpfe im Radio anzuhören. Der Werdegang von Larry "Lawyer" ist es, den er hier mit sich überschlagender Stimme im Badezimmer kommentiert.

Dass man einen Wohnwagen braucht, wenn man sich die Welt ansehen will, ist nur folgerichtig. Ebenso folgerichtig, zumindest in Shatzys und Goulds Welt, ist es auch, diesen Wohnwagen im Garten aufzustellen.

Damit ist das etwas absonderliche Personal dieses Romans aber noch nicht erschöpft; was sonst noch mit Gould passiert, und wie er sich letztendlich entscheidet, als er die Wahl hat, berühmt zu werden - oder einfach sein Leben zu leben, das sollte man selber lesen.

Wer eine logische, gut erzählte Geschichte erwartet, der sollte sich besser von diesem Buch fernhalten. Realitätsnah kann man diesen Roman bestimmt nicht bezeichnen. Fantasy? Science Fiction? Genauso wenig.

Was den Leser hier erwartet, ist ein "Etwas" - etwas anderes, als wir sonst kennen, mit immerhin 3 schwach erkennbaren dünnen roten Fäden im Handlungsfortgang.

Und: es ist irgendwie schlichtweg genial. Diese Sprache! Dieser Witz! Ich interessiere mich absolut nicht für Boxen, aber was Baricco hier als Radiomoderation gestaltet hat, war unglaublich spannend zu lesen, man hörte die Stimme des Sprechers im Kopf.

Und so lege ich dieses Buch denen ans Herz, die gerne mal Romane in die Hand nehmen, die aus der Reihe tanzen. Zwar möchte ich "City" nicht mit "Schaum der Tage" von Boris Vian vergleichen, aber wem das eine gefallen hat, könnte auch am anderen seine Freude haben!

Alessandro Baricco

Alessandro Baricco, geboren 1958 in Turin, studierte Philosophie und unterrichtet Schreiben an der von ihm gegründeten Scuola Holden. Er schrieb vier Romane, die weltweit übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden, Theaterstücke und Essays.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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