Alessandro Baricco - Ohne Blut

Originaltitel: Senza Sangue
Roman. Hanser Literatur Verlag 2003
102 Seiten, ISBN: 3446203478

Es war nur ein Motorengeräusch zu hören. Es gab keine Autos mehr in dieser Gegend, nicht mehr, nach dem Krieg. Manuel Roca wusste, wer hier unterwegs war - und auch wohin. Zu ihm. Noch hätte er Zeit gehabt, wegzulaufen. Doch da waren auch die Kinder. Nina versteckte er unter einer kleinen Falltür unter den Obstkörben, den Jungen schickte er mit dem Gewehr bewaffnet in den Schuppen. Beiden befahl er, erst wieder herauszukommen, wenn keiner mehr hier wäre.

Da waren sie auch schon, drei Männer, die auf Roca schossen, ihn im Haus überrumpelten. Sie wollten ihn nicht einfach erschießen. Sie wollten, dass er sich noch anhörte, was sie zu sagen hatten. Dass der Krieg längst vorbei war, galt für sie nicht. Salinas hatte gesehen, was in Rocas Krankenhaus mit seinem Bruder geschehen war, hatte genug gesehen, um den Krieg für ihn nie enden zu lassen.

Er schoss. Nein, kein tödlicher Schuss. Nur schmerzhaft. So schmerzhaft, dass Rocas Sohn ihm zu Hilfe eilen wollte und selbst erschossen wurde.

Wenn der Sohn im Haus war, dann sicher auch die Tochter - und die drei Männer begannen, das Haus zu durchsuchen. Tito, der Jüngste von ihnen, der den ersten Schuss auf Roca abgegeben hatte, fand sie dann auch - aber wie sie so dalag, in vollendeter Grazie, ihr ins Gesicht sah, machte er die Falltür wieder zu. Und ging. Um dann ohnmächtig mit ansehen zu müssen, wie seine Kameraden den Hof in die Luft sprengten.

Viele Jahre später steht eine ältere Dame vor einem Losverkäufer und lädt ihn zu einer Tasse Kaffee ein...

Es ist eine ganz einfache, fast märchenhafte Geschichte, die Baricco hier auf wenigen Seiten erzählt; eine Geschichte von Rache und Gewalt auf der einen und Liebe auf der anderen Seite.

Nina, das kleine Mädchen, erlebt in ihrer kleinen Mulde die Geschehnisse, als hätten sie mit ihr nichts zu tun. Was weiß sie schon von Krieg, von ihrem Vater, der Salina noch klarzumachen versucht, er hätte doch nur Befehle befolgt, damals, im Krankenhaus.

Doch als sie so viele Jahre später wieder auf Tito trifft, da kommen noch mehr Nuancen ins Spiel. Welche Geschichte ist die Richtige? Die, dass ihr Ziehvater sie beim Kartenspielen an einen Grafen verloren hatte - oder die, dass dieser Graf mit den Mördern ihres Vaters gemeinsame Sache gemacht hatte und sie eigentlich beseitigen hätte sollen? War Roca der kaltblütige Arzt, der Menschen verstümmelte - oder der liebende Vater?

Wann ist ein Krieg zu Ende, was geschieht, nachdem die Gewalt geherrscht hat, wie viel Gewalt ist gerechtfertigt und wofür?

Baricco erzählt seine Geschichte ganz sanft, mit langem Verweilen auf Details, auf Stimmungen. Wie schon in Seide schafft er es auch hier wieder, den Leser in wenigen Worten in seine Handlung hinein zu ziehen, Atmosphäre entstehen zu lassen. Gerade der Gegensatz zwischen der poetischen Sprache und Stimmung zur brutalen Handlung lässt diese erst so richtig lebendig werden.

Es ist trotzdem kein Buch, das ich uneingeschränkt weiterempfehlen würde - man muss schon empfänglich sein für Bariccos Stil. Wer den aber mag - dem wird dieses Buch gefallen, davon bin ich überzeugt.

Alessandro Baricco

Alessandro Baricco, geboren 1958 in Turin, studierte Philosophie und unterrichtet Schreiben an der von ihm gegründeten Scuola Holden. Er schrieb vier Romane, die weltweit übersetzt und mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet wurden, Theaterstücke und Essays.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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