John Banville - Sonnenfinsternis

Originaltitel: Eclipse
Roman. Kiepenheuer & Witsch 2002
303 Seiten, ISBN: 3442455812

Eines Abends war er auf der Bühne einfach zusammengebrochen, hatte - die größte Angst eines Schauspielers - die Vorstellung geschmissen. Und nun fühlte Cleave, er müsse unbedingt in das Haus seiner Kindheit zurück, als werde er von einer unsichtbaren Macht wieder nach Hause getrieben, um sich seinen Gespenstern zu stellen.

Das Haus ist verwahrlost, obwohl Quirke, ein örtliches Faktotum, sich eigentlich darum kümmern sollte; doch für Cleave war das weniger wichtig. Es waren auch deutlich Spuren zu erkennen, dass das Haus in der Zwischenzeit nicht immer leer gestanden hatte; seltsame Geräusche waren nachts zu hören, und Cleave konnte das Gefühl nicht abschütteln, geisterhafte Erscheinungen wahrzunehmen.

Es ist eine Reise in die Vergangenheit, ein Rückblick auf ein Leben, das nicht gelebt, sondern hauptsächlich gespielt wurde. Cleave ist ein Meister der Beobachtung; seine Kunst baut darauf auf, in die Rolle eines anderen zu schlüpfen, und um die größtmögliche Authentizität erzielen zu können, studiert er seine Umwelt nahezu besessen.

Doch über all diesen Versuchen, seine Kunst zu vervollkommnen, hatte er vergessen, zu leben. Einfach nur zu leben, ohne eine Vorstellung für wen auch immer abzuliefern, ohne sich selbst zu beobachten - und das wollte er jetzt wieder lernen...

Vom Inhalt mehr zu verraten, würde die Spannung beim Lesen zerstören; obwohl es eigentlich weniger der Handlungsstrang ist, der mich ans Buch gefesselt hat, als die Faszination, die von den Beschreibungen, den einzelnen Szenen ausgeht.

Banville ist ein Sprachvirtuose; seine Metaphorik verzaubert, er lotet präzise die Untiefen innerhalb einer Beziehung aus, und vermittelt dem Leser gleichzeitig das Gefühl, immer weniger über die Protagonisten zu wissen, je mehr Details man erfährt. Wie schon in den anderen Büchern, die ich von ihm gelesen habe, spielt er auf dem Klavier der Erinnerung, lässt uns Szenen miterleben und gleichzeitig wissen, dass es so eigentlich gar nicht gewesen sein kann.

So wunderbar ich die einzelnen Kapitel auch fand, so sehr ich die Sprache des Autors genossen habe - etwas hat mir doch gefehlt. Was den Handlungsbogen angeht, bleibt für mich noch ein Nachbesserungsbedarf; zwar fügen sich am Ende viele der losen Fäden zusammen, wird die Motivation fast stimmig - es bleibt doch ein Rest, der mich ein bisschen mehr Knochen unter das Erzählfleisch wünschen lässt.

John Banville

John Banville, geboren 1945 in Wexford, Irland, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen irischen Autoren. Er hat zahlreiche Romane veröffentlicht, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Banville ist Literaturredakteur der Irish Times und lebt in Dublin. Ausgezeichnet mit dem Man Booker Prize.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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