John Banville - Der Unberührbare

Originaltitel: The Untouchable
Roman. Kiepenheuer & Witsch 1996
546 Seiten, ISBN: 3462026380

Kurz vor seinem 72. Geburtstag wird der geachtete Kunstkritiker und Kurator der königlichen Kunstsammlungen Victor Maskell enttarnt - Spionage für Russland.

Rückblickend erzählt er, wie es dazu kam.

London in den dreißiger Jahren. Man war dekadent, trank bis in die Morgenstunden. Boy Bannister, Victors Freund aus Studientagen, schleppte jede Nacht einen anderen Mann ab, trieb sich in üblen Spelunken herum. Homosexualität war zu dieser Zeit noch eine Straftat.

Für das Department zu arbeiten war schon beinahe eine Selbstverständlichkeit in diesem intellektuellen Kreis. Eine führende Rolle spielte Nick dabei, Victors Schwager. Und mehr aus Kitzel denn aus Überzeugung wurden die Informationen, die für das Department entschlüsselt wurden, auch an Russland weitergegeben.

Doch während des Blitzkrieges passiert Victor außer diesem Verrat noch eine viel wesentlichere Offenbarung - er entdeckt seine eigene Homosexualität...

Ich war von der ersten Seite an hingerissen. Einerseits wollte ich ganz langsam lesen, um den Genuss zu verlängern, andererseits war ich viel zu gespannt darauf, wie es weitergeht.

Wobei mich weniger die Spionagegeschichte gefesselt hat. Die empfand ich zum Teil als relativ verwirrend und anstrengend; spioniert er nun für das Department, oder für Russland, und gehört dieser Name nun zur einen oder anderen Seite - oder zu beiden? Konzentration war gefragt!

Aber der wirkliche Hochgenuss rührt von der Beschreibung Londons der dreißiger Jahre her - und von Victors sexueller Orientierung. Einfach wunderbar, wenn er nun als alter Mann von seinen jungen Jahren spricht, Männernamen erwähnt, immer klar ist, das er schwul ist - und er immer wieder seufzend feststellt "wie konnte es nur so lange dauern, bis ich gemerkt habe, das ich anders rum bin".

Blendend amüsiert habe ich mich auch über die Schilderung seiner Besuche im Palast, bei Mrs. W. Der Fall, den er für das Königshaus zu lösen hat nach Beendigung des Krieges - die Entfernung ziemlich peinlicher Papiere, die in Deutschland gelagert waren - war eigentlich eine der wenigen Szenen, in denen Victor aktiv werden muss.

Ein sehr spannendes, amüsantes Buch!

John Banville

John Banville, geboren 1945 in Wexford, Irland, gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen irischen Autoren. Er hat zahlreiche Romane veröffentlicht, die mehrfach ausgezeichnet wurden. Banville ist Literaturredakteur der Irish Times und lebt in Dublin. Ausgezeichnet mit dem Man Booker Prize.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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