Trezza Azzopardi - Das Versteck

Originaltitel: The Hiding Place
Roman. Berlin Verlag 2000
350 Seiten, ISBN: 3827003695

Das Schreiben vom Sozialamt lockt sie wieder zurück in das Haus ihrer Kindheit, das sie alle schon vor so langer Zeit verlassen haben. Die Mutter ist gestorben. Was erwarten die Geschwister jetzt davon, wenn sie sich hier wieder treffen?

Reichtümer ganz gewiss nicht. Denn schon in ihrer Kindheit litten sie unter Mangel an allem Lebensnotwendigen. Das war nicht nicht immer so, denn bis zur Geburt von Dolores, der Jüngsten, waren die Eltern Teilinhaber eines Cafes - das der Vater in der Nacht der Geburt im sicheren Glauben, nun, beim 6. Kind, endlich den gewünschten Sohn gezeugt zu haben, verliert.

Es ist nicht der erste Verlust, den er zu verzeichnen hat - Frank ist ein notorischer Spieler, und setzt immer mehr, als er sich eigentlich leisten kann. Zuweilen auch mehr, als ihm eigentlich gehört.

Und so verliert er in kurz darauf eine seiner Töchter - in der Nacht, als Dolores beinahe verbrennt und ihre linke Hand für immer verliert.

Was genau in jener Nacht passierte, wo die Mutter war und was sie zu tun bereit war, um die Familie zu erhalten - das alles konnte Dolores damals noch nicht erfassen. Aber nun, nach dem Tod der Mutter, erwartet sie von ihren Schwestern ein paar Antworten....

Eines muss man Trezza Azzopardi lassen. Sie kann wirklich wunderbar erzählen. Den Balanceakt zu schaffen, eine Geschichte in der Vergangenheit, mit dem Blick des fünfjährigen Kindes zu erzählen - und gleichzeitig aus der Distanz, jetzt als Erwachsene, mit all den Rückschlüssen, die sie nun zu ziehen in der Lage ist - das glaubhaft zu schreiben, kann ihr so schnell bestimmt keiner nachmachen!

Aus dieser Sicht ist auch die Nominierung für den Booker-Prize in meinen Augen durchaus gerechtfertigt.

Die Tatsache, dass das Buch schon vor Erscheinen in mehrere Länder verkauft wurde, liegt in meinen Augen aber mehr daran, dass das Buch ein Thema hat, dass sich erwiesenermaßen sehr gut verkauft - seit "Angela´s Ashes" sind Romane, die von einer ärmlichen, brutalen Kindheit erzählen, ein sicherer Publikumserfolg.

Aber während die Geschichten von Frank McCourt oder auch Joe Fiorito (Die Stimmen meines Vaters) neben all der Tragik auch von einer umwerfenden Komik, einer gewaltigen Lebenslust zeugen, ist davon bei Trezza Azzopardi wenig zu spüren.

Der Gefahr, stattdessen gewaltig auf die Tränendrüse zu drücken, ist die Autorin aber glücklich ausgewichen. Unbändiger Zorn, kombiniert mit lähmender Hilflosigkeit, das ist das Gefühl, das bei mir zurückbleibt.

Ein Buch, das ich sehr guten Gewissens weiterempfehlen kann - nicht nur Lesern von "Die Asche meiner Mutter"

Trezza Azzopardi

Trezza Azzopardi, geboren in Cardiff, lebt heute in Norwich. Sie gilt bereits mit ihrem ersten Roman "Das Versteck", der für den Booker Prize und den Guardian First Book Award nominiert und vor Erscheinen in acht Länder verkauft wurde, als eine der wichtigsten neuen Stimmen der englischen Gegenwarts- Literatur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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