Majgull Axelsson - Die Aprilhexe

Originaltitel: Aprillhäxan
Roman. btb (Bertelsmann Taschenbuch) 1997
512 Seiten, ISBN: 3442724724

Was hat so ein Leben denn für einen Sinn? murmeln die Krankenschwestern häufig, wenn sie aus Desirees Zimmer gehen, nachdem diese wieder einen ihrer schweren Anfälle hatte. Wäre es nicht gnädiger, ihr diese Schmerzen zu ersparen? Und dem Steuerzahler die Unsummen, die ihre Pflege kostet, zu ersparen? Nicht, dass Desiree sich nicht auch selbst oft genüg den Tod gewünscht hätte. Nicht, dass sie ihr Leben als so sinnvoll angesehen hätte. Aber was, so fragt sie sich, was gibt diesen Menschen das Recht, ihr Leben als sinnvoller zu erachten als mein eigenes?

Sie kann sich kaum bewegen, kann nicht sprechen, sich nur über einen Computer verständlich machen - und ist zudem mit einer überdurchschnittlichen Intelligenz geschlagen. Jahrelang hatte sie die Hoffnung auf die Neurochirurgen gesetzt, die sie wieder und wieder und wieder operiert hatten.

Hubertsson, ihr Arzt, war es, der ihrem Leben danach noch Freude brachte, der sie durch seine beständige Freundschaft zwang, sich selbst trotzdem ernst zu nehmen, sich zu akzeptieren. Und er war es auch, der ihr von ihrer Mutter erzählte - die dieses verkrüppelte Kind zur Welt brachte und es in Verwahrung gab, um dann drei Pflegekinder großzuziehen.

Irgendeine dieser drei Frauen, davon ist Desiree überzeugt, irgendeine von ihnen hat ihr die Liebe der Mutter gestohlen, hat das Leben geführt, das eigentlich ihr zugedacht war. Und sie ist entschlossen, das nicht so klaglos hinzunehmen.

Diese drei Frauen, Brigitta, Christina und Margareta, halten selbst zueinander kaum Kontakt; zu unterschiedlich haben sich ihre Leben entwickelt, und zu groß waren die Verletzungen in der Kindheit. Denn auch wenn Desiree es ihnen neidet, dieses gemeinsame Lachen, den Duft der Speisen, die Ellen für sie zubereitet hat, das Verständnis und die Liebe; es ist nur die eine Seite der Geschichte, es sind nur seltene, glückliche Momente, in denen Eintracht herrschte.

Margareta war schon als Neugeborenes zu Ellen gekommen; als Christina dann, nachdem sie von ihrer Mutter beinahe verbrannt worden wäre, zu ihnen stößt, reagiert sie erst mit Eifersucht. Aber wirklich schwierig und anstrengend wird das Leben erst, als auch Brigitta zu ihnen stößt; Brigitta, die eigentlich wieder zu ihrer Mutter zurück möchte, die lügt, stiehlt, schlägt - und auch sonst in die Fußstapfen ihrer Mutter tritt.

Als Ellen einen Schlaganfall erleidet, werden die Mädchen getrennt, Astrid kommt zu ihrer Mutter zurück, Margareta in eine neue Pflegefamilie. Und damit endet auch ihre Bindung; das glauben sie zumindest. Denn immer wieder kreuzen sich ihre Wege; und jetzt, in der letzten Zeit, bekommt jede von ihnen immer wieder Briefe, die ihre schlimmsten Ängste und Selbstzweifel laut werden lassen...

Ich hatte schon vor der Lektüre dieses Buches sehr viele Lobesworte gelesen und gehört. Was mich dennoch lange davon abgehalten hat, es selbst zu lesen, ist schnell erklärt: Desiree, die behinderte Schwester, hat die Gabe, sich anderer Wesen, meist Vögel, zu bemächtigen, um damit ihren eigenen Körper zu verlassen und Vorgänge zu beeinflussen. Eine Aprilhexe ist sie also. Und das ist auch heute noch mein Kritikpunkt an diesem Buch; es schwächt die Kritik am schwedischen Sozialstaat ab, rückt das Buch in die Richtung "Frauenroman" mit leicht esoterischem Touch.

Dabei hat dieser Roman das überhaupt nicht nötig! Ich habe selten ein Buch gelesen, das Sozialkritik auf so eindringliche Weise lesbar gemacht hat. Denn was sie hier schildert, ist nicht nur die Geschichte einer zusammengewürfelten Familie, ist nicht nur eine hervorragend geschriebene Darstellung der Beziehungen zwischen Frauen, die auf den ersten Blick fest im Leben stehen und doch so viel Geschichte zu verarbeiten haben.

Wenn man dieses Buch liest, kann man nicht umhin, darüber nachzudenken, wie man selbst empfindet, wenn man auf Behinderte trifft, wie oft man nicht vielleicht selbst voll Mitleid dachte: ob das ein Leben ist? Es zeigt auch auf überwältigende Weise den Unterschied zwischen Mitleid und Güte auf, lässt spüren, wie schnell man eigentlich den nötigen Respekt vor anderen Menschen vermissen lässt.

Und dann liest man natürlich auch davon, wie noch vor nicht allzulanger Zeit versucht wurde, die heile Welt des Sozialstaates zu errichten, in dem unvollkommene Menschen einfach keinen Platz hatten.

Die Autorin hat ein Gespür dafür, wie man mit wenigen Worten die ambivalente Beziehung zwischen den Pflegeschwestern spürbar machen kann, ihre Darstellung der Dinge ist nicht einseitig, es gibt bei ihr keine Heiligen.

Wobei ich persönlich es dennoch vorgezogen hätte, wenn das Schicksal Brigittas, das ich lesen musste, nicht gar so verkommen und abstoßend gewesen wäre; zwar wird dadurch wieder ein Mensch am Rande der Gesellschaft dargestellt, aber durch die Wucht ihres abgewrackten Lebens verblasst die subtilere Dramatik der Lebensgeschichten ihrer Schwestern.

Ein Buch, das ich von ganzem Herzen weiterempfehlen möchte - trotz der kleinen Einschränkungen, die für mich dazu geführt haben, dass es nur ein außergewöhnliches, aber kein "besonderes" Buch für mich wurde.

Auf weitere Bücher der Autorin bin ich jedenfalls schon sehr gespannt!

Majgull Axelsson

Majgull Axelsson, geboren 1947, ist eine der renommiertesten Journalistinnen Schwedens. "Die Aprilhexe" ist ihr zweiter Roman, der in ihrem Heimatland mit über 400.000 verkauften Exemplaren allein im Hardcover monatelang auf sämtlichen Bestsellerlisten stand und mit dem wichtigsten Literaturpreis des Landes, dem Augustpreis, ausgezeichnet wurde. Axelsson, die Astrid Lindgren als ihr Vorbild bezeichnet, lebt mit ihrem Mann und ihren zwei Söhnen in Väsby

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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