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Paul Auster - Timbuktu

Roman. Rowohlt Taschenbuch Verlag, 192 Seiten, ISBN: 3499228823

Amerikanische Originalausgabe April 1999, Henry Holt and Company, New York.

 


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Rezension von Maria

Der Autor:
Paul Auster wurde 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Er studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University und verbrachte danach einige Jahre in Paris. Heute lebt er in Brooklyn. Er ist mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet und hat zwei Kinder.

weitere TitelDie New York Trilogie / Im Land der letzten Dinge / Mond über Manhattan / Die Musik des Zufalls / Leviathan / Mr. Vertigo / Die Erfindung der Einsamkeit / Timbuktu / Smoke / Blue in the Face / 

Hörbuch: Auggie Wrens Weihnachtsgeschichte

-> mehr über den Autor während einer Lesung

 


Paul Auster überrascht uns dieses Mal mit einem Protagonisten der vierbeinigen Art: Gestatten, Mr. Bones, eine wahre Promenadenmischung.

Obwohl Mr. Bones wie ein Mensch denkt, beherrscht er die menschliche Sprache nicht. Seine Geschichte wird uns von einem ungenannt bleibenden Dritten erzählt. Mister Bones ist meiner Meinung nach der quintessentielle Philosoph, irgendwo zwischen Socrates und Aristoteles anzusiedeln. Es spricht mich nicht nur sein Wissen des Nichtwissens, sondern auch seine Suche nach Ursache und Prinzipien aller Dinge, die in seine Welt, sein Leben eintreten, an.

Mister Bones ist der beste und auch der einzige Freund von William Gurevitch alias Willy G. Christmas. Willy ist ein am Rande der menschlichen Gesellschaft lebender Vagabund. Sein Lebensinhalt ist die Schriftstellerei. Er schreibt und schreibt, konnte aber für keines seiner Werke einen Verleger finden.

Der Roman “Timbuktu” beginnt an einem trüben Sonntag in Baltimore. Willy und “Herr Doktor Bones” sind am Ende einer langen Reise angelangt. Sie suchen gerade die Calvert Street. Mr. Bones fürchtet, dass Willy G. Christmas irdischem Dasein allzu bald das Ende droht. Willy hat sich mit Mr. Bones während der letzten Wochen eindringlich über das Leben nach dem Tode, über die Trennung von Leib und Seele, unterhalten. Mr. Bones versteht, was Willy ihm erzählt. Er versteht “Ingloosh”, die Sprache der Zweibeiner, mindestens so gut versteht wie jeder andere Einwanderer nach sieben Jahren
Amerika. Bei Willys Sprachbesessenheit (he is a dyed-in-the-wool logomaniac) und Verliebtheit in die eigene Stimme kein Wunder: redet er doch fast ununterbrochen vom Morgen bis zum Abend wie von Mann zu Mann mit seinem Hund.

Mr. Bones ist mittlerweile überzeugt davon, dass nach dem Tod nicht nur ein neues Leben für die Seele, sondern auch ein ganz konkreter Ort auf sie wartet: “The next world was a real place. It was called Timbuktu.”

Für Willys treuen Begleiter ist es ganz unwichtig, ob Timbuktu mitten in der Wüste liegt, wie er vermutet. Ob es dort kalt oder heiß ist, ob es was zu fressen gibt dort oder nicht. Wenn Willy dorthin geht, will er ihm nachfolgen. Es erscheint ihm gut und richtig, dass er auch im Jenseits von seinem Herrchen nicht getrennt werden sollte.

Sie war Willys Idee, diese lange Wanderschaft von Brooklyn nach Baltimore. Bevor er das Zeitliche segnet, wollte er noch zwei Dinge verwirklichen. Er hat sich in den Kopf gesetzt, dass nur seine ehemalige High-School-Lehrerin, Bea Swanson, ihm bei der Verwirklichung seiner Pläne helfen konnte. Sie war und ist die einzige Person, die an sein schriftstellerisches Talent glaubt. Letztbekannter Wohnsitz von Frau Swanson ist Baltimore, daher diese letzte, große Reise. Dieses Unternehmen, “Chesapeake Gambit”, hat er mit dem Ziel begonnen, ein neues Zuhause für Mr. Bones zu finden. Gleichzeitig will er Mrs. Swanson seine unveröffentlichten Manuskripte, darunter sein unvollendetes
Epos “Vagabundentage”, anvertrauen.

Die Ereignissse überschlagen sich und Willy stirbt, bevor Miss Swanson gefunden wird.
Mr. Bones ist jetzt allein und versteht, dass er weiterwandern muss, ob er will oder nicht.

Auf seinen einsamen Wanderungen, ständig auf der Flucht, findet er vorerst Liebe und Zuneigung bei Henry Chow, einem elfjährigen Jungen. Auch wenn dieses Intermezzo nicht lange anhält, lernt Mr. Bones eine weitere Lebensweisheit: “Liebe ist keine Substanz, die sich quantifizieren lässt. Auch wenn man eine Liebe verliert, kann man wieder eine andere finden.”

Er beschließt, Baltimore, diese “Stadt des Todes und Verzweiflung” für immer hinter sich zu lassen und bricht auf Richtung Westen. Er lernt verstehen, dass Willy immer bei ihm sein wird und dass Erinnerungen nicht nur schmerzlich sein müssen. Ab und zu kann man seine Gedanken bei den Toten weilen lassen und daraus sogar Trost schöpfen. Er wandert weiter, voller Vertrauen, dass irgendwo eine neue Liebe auf ihn wartet.

Copyright bei Maria Anonymus, September 1999


 

 

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Leseprobe:

“……….. By the time Willy’s parents arrived in Brooklyn in 1946, it wasn’t a new life they were starting so much as a posthumous life, an interval between two
deaths. Willy’s father, once a clever young lawyer in Poland, begged a job vom a distant cousin und spent the next thirteen years riding the Seventh Avenue IRT to a button-manufactoring firm on West Twenty-eight Street. For the first year, Willy’s mother supplemented their income by giving piano lessons to young Jewish brats in the apartment, but that ended one morning in November 1947 when Willy poked his little face out from between her legs und unexpectedly refused to stop breathing.

He grew up American, a Brooklyn boy who played stickball in the streets, read Mad magazine unter the covers at night, listening to Buddy Holly and the Big Bopper. Neither one of his parents could fathom such things, but that was just as well as far as Willy was concerned, since his great goal in life at that stage was to convince himself that his mother und father were not his real parents. He found them alien, wholly embarrassing creatures, a pair of sore thumbs with their Polish accents and stilted foreign ways, and without really having to think about it he understood that his only hope of survival lay in resisting them at every turn. When his father dropped dead from a heart attack at forty-nine, Willy’s sorrow was mitigated by a secret sense of relief. Already at twelve, just barely on the brink of adolescence, he had formulated his lifelong philosophy of embracing trouble wherever he could find it. …………..”

“…………. Such was the marital turmoil that Mr. Bones had stumbled into. Sooner or later, something was bound to give, but until Polly woke up to herself and finally pushed that piker out the door, the athmosphere would continue to be charged with intrigues and animosities, the plots and counterplots of dying love. Mr Bones did his best to adjust to all this. So much was still new to him, however, so many things had to be studies and mad sense of, that the ups and downs of Polly’s marriage occupied no more than a small fraction of his energies. ……………

“……. He had landed in the America of two-car garages, home-improvement loans and neo-Rennaissance shopping malls, and the fact was that he had no objections. Willy had always attacked those things, railing against them in that lopsided, comic way of his, but Willy had been on the outside looking in, and he had refused to give any of it a chance. Now that Mr. Bones was on the inside, he wondered where his old master had gone wrong and why he had worked so hard to spurn the trappings of the good life. It might not have been perfect in this place, but it had a lot to recommend it, and once you got used to the mechanics of the system, it no longer seemed so important that you were tethered to a wire all day. By the time you had been there for two and a half months, you even stopped caring that your name was Sparky.”


 

© Daniela Ecker

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