Paul Auster - Mr. Vertigo

Originaltitel: Mr. Vertigo
Roman. Rowohlt Verlag 1996
318 Seiten, ISBN: 3499221527

1924 folgt der neunjährige Walt Rawley dem Juden Meister Yehudi von St. Louis nach Kansas, um die Kunst des Fliegens zu erlernen.

Zwar ist Walt ein mißtrauischer Junge aus der Gosse, der seinen Unglauben daran nicht verbirgt, doch sein Onkel Slim, sagt Meister Yehudi, würde ihn zu Hause nicht mehr sehen wollen. Schon als er in der Einöde von Kansas ankommt, bereut er seinen Entschluß. Er, der Südstaatler, muß mit einem Schwarzen und einer Indianerin unter einem Dach leben, und es gibt absolut keine Möglichkeit, sich zu vergnügen, meilenweit kein anderes Haus. Und der Meister scheint es nicht gerade eilig zu haben, mit dem Unterricht zu beginnen. Dreimal versucht Walt wegzulaufen - um immer wieder Meister Yehudi zu begegnen, sobald er denkt, es geschafft zu haben.

Beim letzten dieser Versuche zieht er sich eine schwere Krankheit zu, und lernt in der Zeit seiner Genesung Mutter Sue, die Indianerin, und Äsop, den mißgestalteten Schwarzen, zu lieben. Nach dieser Krankheit beginnt sein Unterricht - er wird lebendig begraben, muß durch Wasser und Feuer, wird ausgeschunden bis zum letzten - um plötzlich, ganz überraschend, vom Boden abzuheben; etwa zur selben Zeit, da Lindbergh den Atlantik überquert.

Nun kommt die Zeit der Proben, des Verfeinerns - und die ersten Auftritte bei Jahrmärkten. Walt, der Wunderknabe, der über Wasser wandelt. Trotz allem natürlichen Mißtrauen wächst sein Ruhm immer weiter. Auch sein Onkel Slim bekommt davon Wind - und er möchte seinen Anteil.

Er entführt Walt, fordert Lösegeld. Doch kurz vor der Übergabe gelingt es ihm zu fliehen. Die Zeitungen sind voll von Berichten über ihn - er ist bekannt im ganzen Land, die nächste Tournee wird ausgehandelt, die ersten Auftritte ein überwältigender Erfolg. Doch wenige Tage vor dem ganz großen Auftritt in New York beginnt die Schwerkraft, sich zu rächen - für jede Sekunde in der Luft büßt Walt mit den heftigsten, schlimmsten vorstellbaren Kopfschmerzen. Ende der Karriere.

Zu allem Überfluß werden sie dann auch noch auf dem Weg nach Hollywood, zur zweiten Karriere, überfallen - wieder von Onkel Slim. Alle Ersparnisse weg - und Meister Yehudi tödlich verletzt.

Walt schwört Rache - und verbringt die niächsten Jahre auf der Suche nach dem Missetäter. Als er ihn endlich findet und seine Rachegelüste stillen konn, eröffnet sich ihm ein neuer Weg - Chicago in den dreißigern.

Als rechte Hand des zweitwichtigsten Mannes von Chicago steigt auch er selbst rasch auf - doch die Fehler der Vergangenheit wohlen ihn wieder ein. Der Traum des Menschen, fliegen zu können, ist uralt. Die Möglichkeit, daß ein Mensch ohne technische Hilfsmittel durch die Luft fliegt, scheint sehr unrealistisch. Trotzdem vermittelt das Buch das Gefühl, einem Tatsachenbericht zu folgen. Der Prozeß des Lernens, der Mißgeschichke, die dabei passieren, die Qualen, die Walt erleiden muß - ich hatte das Gefühl, wenn ich diese Prüfungen alle durchstehe, dann kann ich auch fliegen.

Der Prozeß des Abhebens, sich in der Luft bewegen wird so einleuchtend klar und selbstverständlich beschrieben, daß er absolut realistisch wirkt.

Allerdings haben mir dann entsprechend die beiden letzten Kapitel, Chicago und die letzten Jahre, nicht mehr so gut gefallen.

Chicago hatte noch Spannung, Witz - und spielt ganz einfach auch in einer interessanten Zeitepoche.

Aber die Jahre danach - das empfand ich als mehr oder weniger lieblosen Abriß der letzten Lebensjahre.

Besonders hervorheben möchte ich allerdings Paul Austers Sprache - die handhabt er geradezu virtuos! Einerseits spürt man den rotzfrechen Gassenjungen Walt in jeder Zeile, andererseits ist die Sprache unheimlich klar. Auf alle Fälle ein guter Einstieg, um die anderen Bücher von ihm kennenzulernen!

Paul Auster

Paul Auster wurde 1947 in Newark, New Jersey, geboren. Er studierte Anglistik und vergleichende Literaturwissenschaft an der Columbia University und verbrachte danach einige Jahre in Paris. Heute lebt er in Brooklyn. Er ist mit der Schriftstellerin Siri Hustvedt verheiratet und hat zwei Kinder

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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