Arno Geiger - Der alte König in seinem Exil

Originaltitel:
Roman. Hanser Literatur Verlag 2011
192 Seiten, ISBN: 3446236341

Es ist schwer, den geistigen Niedergang eines Menschen mitansehen zu müssen. Zu merken, wie die klaren Momente seltener werden, wie man oft nicht mehr erkannt wird - wer auch immer im näheren Umfeld mit Demenzkranken zu tun hatte, kennt dieses beklemmende Gefühl.

Auch August Geiger, Vater des österreichischen Autors Arno Geiger, leidet an Alzheimer. Die Familie hat die Anzeichen nicht sofort erkannt, viele Symptome auf die Trennung der Eltern geschoben, auf die Tatsache, dass der Vater sowieos schon immer etwas "eigen" war. Und dadurch vielleicht wertvolle Zeit verloren, in der man miteinander haderte, statt an Erinnerungen zu sammeln, was möglich war.

Als Autor ist Arno Geiger aber beeindruckt davon, welchen Zugang zu Worten der Vater plötzlich findet, wie er auf ihm gestellte Fragen offensichtlich falsch, aber bei genauerem Hinsehen überraschend hellsichtig antwortet. Es ist eine ganz eigene Poesie in der Sprache, die er da entdeckt. Und mit am beeindruckensten an diesem Buch fand ich, dass Arno Geiger es nach einer angedeuteten schwierigen Lernphase auch tatsächlich schafft, den Vater dort abzuholen, wo er gerade steht. Also auf das einzugehen, wovon er spricht, wenn er in seinem eigenen Wohnzimmer sitzt und sich nichts dringender wünscht, als "nach Hause" zu kommen. Dem Vater dann nicht das Gefühl zu geben, dass er eben nichts mehr klar sieht, sondern dem Wunsch nachspüren, der hinter diesem "nach Hause" steckt, ihn ermutigen und ihm den nötigen Halt geben - eine Leistung, die sehr viel Einfühlungsvermögen und Geduld voraussetzt.

Das Verhältnis zum Vater war eigentlich nicht besonders eng; er war der, der in der Werkstatt herumwerkelte "irgendeinen Blödsinn" austüftelte und immer mehr als Fremdkörper in einer zerbröckelnden Familie wahrgenommen. Mit dem Hochmut der Jugend hatte dann auch der Autor dem Vater mangelndes Interesse vorgeworfen, ihn abgelehnt und war zum Studium mehr oder weniger geflüchtet.

Für ihn, Arno, ist diese Krankheit und das Vergessen des Vaters auch eine neue Chance, einen unbedarften Zugang ohne die Erinnerung an alte Kränkungen aufzubauen, und er ergreift sie mit beiden Händen.

Bei aller Hochachtung dafür, wie hier mit der Erkrankung des Vaters umgegangen wird, wie der Autor sensibel versucht, einerseits den Vater mit seiner Geschichte darzustellen, ihm auch ein Denkmal zu setzen, aber auch die Privatspähre der anderen Familienangehörigen zu respektieren - fehlt mir letztlich doch etwas an diesem Buch. Arno Geiger schreibt zwar auch von den Anstrengungen, die der Umgang mit August mit sich bringt, aber gerade im Vergleich zu sehr lebendigen Szenen, wo er den Zugewinn der Krankheit auszuloten versucht, bleiben diese Anstrengungen eine Randnotiz. Mir fehlt die Auseinandersetzung, der Prozess, der erst zum positiven Umgang geführt haben kann, auch der Konflikt mit den restlichen Familienmitgliedern, der nicht ganz ausbleiben kann.

Für mich gibt es auch einige Nebenschauplätze in "Der alte König in seinem Exil", die ich gerne aus ganz persönlichem Interesse näher ausgeleuchtet gesehen hätte. So wird zum Beispiel am Ende eine Szene geschildert, in der die sich verändernde Stuktur des dörflichen Lebens in der Provinz ganz deutlich wird, um nur eines zu nennen.

Der Text ist für den Preis der Leipziger Buchmesse 2011 nominiert - eine Entscheidung, die sich mir bislang ebensowenig erschlossen hat wie das zum Teil exaltierte Lob für das Buch, das gar zum "Maßstab für alle noch kommenden Bücher über Demenz" werden sollte.

Ich habe den Text gerne gelesen, einiges für mich gefunden, kann das Buch auch weiterempfehlen - aber für die ganz große Begeisterung hat es bei mir nicht gereicht.

Arno Geiger

Arno Geiger, 1968 in Bregenz geboren, lebt in Wien. Bei Hanser erschienen die Romane: Kleine Schule des Karusselfahrens (1997), Irrlichterloh (1999), Schöne Freunde (2002), Es geht uns gut (2005), Erzählband Anna nicht vergessen (2007) und zuletzt der Roman Alles über Sally (2010). Für sein Werk erhielt er unter anderem den Friedrich Hölderlin-Förderpreis (2005), den Deutschen Buchpreis (2005) und den Johann Peter Hebel-Preis (2008).

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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