Antonio Lobo Antunes - Das Handbuch der Inquisitoren

Originaltitel: O manual des inquisidores
Roman. S. Fischer Verlag 1997
476 Seiten, ISBN: 3596141915

Als rechte Hand des Diktators Salazars hatte der Herr Doktor noch die Macht, zu sagen: diesen hier verhaften, jenen freilassen, den anderen verprügeln lassen - nur einem konnte er nicht an: dem Mann, der ihm seine Frau weggenommen hatte. Denn dieser gehört zu der Handvoll Menschen, die vom Regime gebraucht werden, um die Wirtschaft in Gang zu halten.

Doch auch die Zeit der Diktatur nimmt ein Ende, die Herrschaftsverhältnisse ändern sich. Die, die zuvor Geld und Macht hatten, haben eine Zeit der Enteignung, der Repressalien vor sich.

Auch das geht allerdings zu Ende - und zum Schluss sind die, die vorher schon viel hatten, immer noch in der besseren Situation.

Erzählt wird die Geschichte Portugals anhand einer Familie - doch es kommen auch noch viele andere zu Wort, die für diese Familie gearbeitet haben; das Dienstmädchen, an dem der Herr des Hauses sich vergeht, die Köchin, der er die gemeinsame Tochter wegnimmt, der Chaffeur; und alle erzählen sie die Begebnisse aus ihrer ganz persönlichen Sicht, die jedes mal wieder einen neuen Blickwinkel aufbringt.

Der Autor hat einen ganz eigenwilligen Schreibstil; gleichzeitig erzählt er Geschichten der Gegenwart und der Vergangenheit, verknüpft sie kunstvoll - und bleibt bei alledem auch noch höchst lesbar.

Eine wahre Freude, diesen Roman zu lesen! Auch wenn mir persönlich im letzten Drittel schon zu viele Personen zu Wort kamen, um ihre Sicht der Dinge zu schildern. Aber es blieb trotz allem interessant.

Und es sind Passagen dabei, die so herrlich bitterböse und sarkastisch sind, dass es ein absolutes Lesevergnügen ist. Zu diesen Stellen zähle ich den Bericht Sofias, die von ihrem eigenen Armen erzählt - und natürlich den ihres Onkels, eines Kapitalisten reinsten Geblüts.

Vor allem die Vielschichtigkeit machen das Buch zu dem, was es ist: ein Zeitdokument, das unterhaltsam die Geschichte Portugals in diesem Jahrhundert erzählt.

Antonio Lobo Antunes

Antònio Lobo Antunes wurde 1942 in Lissabon geboren, studierte Meidzin, leistete seinen Wehrdienst im Angolakrieg ab und arbeitete dann wie sein Vater als Arzt, bevor er sich nach der Veröffentlichung seines ersten Romans fast ganz dem Schreiben widmete.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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