Friedrich Ani - German Angst

Originaltitel: German Angst
Krimi. Droemer 2000
458 Seiten, ISBN: 3426620545

Netty erlebt ihren zweiten Frühling. Langsam, aber sicher, etabliert sie sich mit ihrem kleinen Kosmetikstudio - sie wird zwar nicht reich davon, aber es reicht, um leben zu können. Ihre Beziehung zu Chris beglückt sie immer wieder aufs Neue, sie liebt auch seine Tochter Lucy; auf den ersten Blick das perfekte Szenario für das Glück des kleinen Mannes.

Aber auch wirklich nur auf den ersten Blick. Denn Chris ist schwarz, wie auch seine Tochter. Und diese kann den Tod ihrer Mutter nicht verwinden, sie treibt sich auf der Straße herum, stielt, prügelt sich, läuft weg - sie lässt sich nicht unter Kontrolle bringen.

Natürlich macht Netty sich Sorgen um Lucy. Aber auch sie kommt nicht durch die dicke Mauer, die die dreizehnjährige um sich herum aufgebaut hat. Und mit jedem Ausrutscher wird der Druck, der auf dem Mädchen lastet, größer - für die Zeitungen ist das schwarze Mädchen "eine Gefahr für München". Man wartet nur darauf, dass sie endlich vierzehn und somit strafmündig wird.

Prompt handelt sie sich auch bereits an ihrem Geburtstag heftigen Ärger ein. Und ein übereifriger Staatsanwalt beschließt, ein Exempel an ihr zu statuieren: schließlich hat Lucy nicht die deutsche Staatsbürgerschaft. Und straffällige Ausländer können in ihr Heimatland abgeschoben werden...

Der Staatsanwalt ist nicht der Einzige, der Lucy gerne ins Ausland abschieben würde. Es gibt eine ganze Bewegung von Menschen, die derselben Meinung ist; und sie beschließen, ihren eigenen Beitrag zu leisten, damit auch wirklich sichergestellt ist, dass Deutschland bald wieder frei ist von unliebsamen Ausländern. Sie entführen Netty und stellen das Land vor die Wahl: Das Leben der Deutschen gegen die Abschiebung von Tochter und Vater in ein Land, dessen Sprache beide nicht einmal sprechen. Denn aufgewachsen sind beide in Deutschland...

Die Thematik, die Friedrich Ani in diesem Krimi aufwirft, ist sehr bedrückend und traurigerweise auch sehr aktuell. Er legt den Finger auf eine Stelle, wo man nicht gerne hinschaut: auf den Ausländerhass im eigenen Land, auf die deutschnationale Gesinnung, die es angeblich ja gar nicht mehr gibt, und die sich doch durch alle Instanzen zieht.

Dieser Punkt ist gut, ist wichtig, man kann gar nicht oft genug darüber reden, oft genug darauf aufmerksam machen, jede Gelegenheit, die Menschen zum Nachdenken anzuregen, sollte genutzt werden.

Aber sieht man von der sozialkritischen Komponente einmal ab - dann gibt es für mich doch eine ganze Menge Punkte, die ich mir von einem Krimi anders wünsche.

Zuallererst mochte ich die Sprache nicht, die Ani verwendet. Häufig sehr reißerisch, mit Bildern, die in sich nicht stimmig sind; dazu wird fast jedes Kapitel mit Sätzen wie "Und das sollte das letzte Mal sein, dass er diesen Gedanken hatte" beschlossen, ein Stilmittel, mit dem ich ohnehin auf Kriegsfuß stehe.

Dann sind mir auch die Figuren, die er so vorstellt, sehr eindimensional gezeichnet; was vielleicht einem Tabor Süden Profil verleihen soll, empfand ich als Überfrachtung, der Rest des Personals war zum Großteil ohnehin zumindest latent ausländerfeindlich oder gleich einer der Drahtzieher der neuen Garde. Gerade wenn man eine so schwierige Thematik bearbeitet, hätte ich mir eine weniger schwarz-weiß-gefärbte Charakterisierung gewünscht; so krass, wie es jetzt dargestellt wurde, ist es einfach, die Thematik als Fiktion abzutun.

Und zuguterletzt war für mich auch der Inhalt an vielen Stellen mit Botschaften überfrachtet; der moralische Zeigefinger war an jeder Ecke zu spüren - bis hin zum enttäuschenden Finale.

Mein Fazit: Leser, deren Schwerpunkt mehr auf dem Belletristikbereich liegt, die Krimis nur zwischendurch lesen, kann ich es als Gedankenanstoß empfehlen - nicht jedoch, wenn man echtes Lesevergnügen erwartet.

Friedrich Ani

Friedrich Ani wurde 1959 als Sohn eines Syrers und einer Schlesierin in Kochel am See geboren. Nach dem Zivildienst in einem Heim für schwer erziehbare Jungen arbeitete er als Polizeireporter, Kulturjournalist und Drehbuchautor (u.a. für die Fernsehserie Tatort). Heute lebt er als Schriftsteller in München. Friedrich Ani erhielt mehrere Stipendien und Preise, so den Literaturförderpreis der Stadt München und den Staatlichen Förderungspreis für Literatur des bayerischen Kultusministeriums.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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