Ann Cleeves - Opferschuld (Vera Stanhope)

Originaltitel: Telling Tales
Krimi. Rowohlt Verlag 2011
432 Seiten, ISBN: 3499253623

Für alle Krimileser, die die Fälle ihrer Serien gerne der Reihe nach lesen möchten: Opferschuld ist im Original (Telling Tales) bereits 2005 erschienen, also vor der in der deutschen Übersetzung zuerst erschienenen "Totenblüte" (Hidden Dephts). Der erste Band, "The Crow Trap", ist bislang nicht angekündigt, dafür wird im Oktober 2011 ein weiterer Band der Reihe erscheinen.

Dies erklärt jedenfalls, warum die Vera Stanhope, die ich in Totenblüte sehr schätzen gelernt habe, in diesem Band noch relativ wenig Profil hat. Doch zurück zum eigentlichen Krimi.

Emma Bennett ist eine junge Frau, noch recht frisch verheiratet und Mutter eines kleinen Sohnes. Vor 10 Jahren, sie wohnten damals noch nicht lange hier, hatte sie ihre beste Freundin Abigail brutal ermordet im Straßengraben gefunden. Emma war es danach gelungen sich zu lösen, sie hatte studiert - und war nun doch wieder hier an diesem Ort gelandet, der ihr immer noch nicht zur Heimat geworden war. James, ihr Mann, hatte besonderen Wert darauf gelegt, in der Nähe von Emmas Familie zu leben, da er selbst keine hatte. Und Emma hatte, sich, wie so oft, gefügt.

Doch nun, 10 Jahre nach diesen tragischen Ereignissen, gab es erneut Bewegung im Fall Abigail. Zwar war damals sehr rasch eine Schuldige gefunden und verurteilt worden, Jeanny Long, die junge Freundin von Abigails Vater. Doch diese hatte die Tat immer bestritten, konnte nur für ihren Aufenthaltsort keine Zeugen beibringen. Und bedauerlicherweise war es erst ihr Selbstmord in der Zelle, nachdem ihre Freilassung auf Bewährung abgelehnt worden war, der die Steine wieder ins Rollen und den entlastenden Zeugen zum Vorschein gebracht hatte.

Der Fall wird wieder aufgerollt - und wie immer in solchen Fällen wird dazu jemand von außerhalb herangezogen, in diesem Fall Vera Stanhope, die übergewichtige, rauchende und trinkende Ermittlerin aus York. Nicht alle Personen in diesem Fall sind ihr unbekannt - mit einem der damaligen Ermittler hatte sie schon einmal zusammengearbeitet, man war sich sympathisch gewesen. So sehr, dass bei Vera fast etwas wie romantische Gefühle hätten aufkommen können, soweit das bei ihr überhaupt denkbar war.

Sehr rasch ist Vera irritiert. Die alten Ermittlungen erscheinen ihr nicht professionell - und die Tatsache, dass die beiden Hauptverantwortlichen kurz darauf den Polizeidienst quittiert haben, erweckt ihr Interesse.

Aber selbst Emmas Ehemann ist nicht, was er scheint - Schicht für Schicht legt Vera gut gehütete Geheimnisse offen. Und kommt damit der Lösung gefährlich nahe - zu nahe. Denn schon gibt es wieder einen Toten…

Wenn man davon absieht, dass meine Erwartungshaltung ein wenig enttäuscht wurde, weil ich mir in diesem Krimi einen größeren Erzählanteil über die kantige Ermittlerin gewünscht hätte, dann kann ich diesen Krimi gerne weiterempfehlen. Es ist ein klassischer Whodunit mit einer (überschaubaren) Reihe von Verdächtigen mit guten Motiven und einer überzeugenden Auflösung. Die Motivation der einzelnen Figuren für ihre Handlungen erscheint plausibel und ist doch im Vorfeld rätselhaft genug, um die Phantasie des Lesers anzuregen und einen Spannungsbogen aufrecht zu erhalten.

Was nun die Figur der Ermittlerin, Vera Stanhope, betrifft - nun, in diesem Krimi wird sie weder ordentlich eingeführt - das dürfte schon im Erstling geschehen sein, bzw. dann auch wieder in der Totenblüte. Sie ist aber zu präsent, um als Randfigur abgehandelt zu werden, also ein für mich etwas enttäuschendes Mittendrin. Da warte ich nun aber gespannt darauf, wie es im Herbst weitergeht.

Ann Cleeves

Nach Abbruch ihres Studiums arbeitete Ann Cleeves zwanzigjährig für 2 Jahre als Köchin auf der Vogelwarte auf Fair Isle. Danach arbeitete sie u a als Erzieherin und Bewährungshelferin, schrieb nebenbei Krimis. Erfolg hatte sie allerdings erst mit den Shetlandkrimis. Für Die Nacht der Raben erhielt Ann Cleeves 2006 den Duncan Lawrie Dagger Award, die weltweit wichtigste Auszeichnung für Kriminalliteratur.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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