James Salter - Letzte Nacht

Originaltitel: Last Night
Erzählung(en). Berlin Verlag 2005
150 Seiten, ISBN: 3827005779

KOMET
beginnt mit der Hochzeit eines nicht mehr ganz jungen Paares und zeigt ein Bild von Begehren und Attraktion; im Laufe der Jahre nimmt Alice aber wieder ihren Drink mit ins Bett, und dann, bei einem Abendessen mit Freunden, wird die Kluft zwischen den Beiden wunderbar plastisch gemacht - durch Nebensächlichkeiten, wie Salter das eben so meisterhaft beherrscht. Trotz der Kürze und Knappheit, obwohl eigentlich kaum be-schrieben wird, sieht man die Bilder vor sich, man schmeckt die Spannung, die in der Luft ist, die Enttäuschungen, Erwartungen, Resignation. Aber vor allem laufen diese Szenen wie ein Film vor dem geistigen Auge ab - nicht bei allen Texten, die er geschrieben hat, aber bei dieser Erzählung auf jeden Fall.

DIE AUGEN DER STARS
hat mich dagegen etwas weniger angesprochen; drei Menschen stehen hier im Rampenlicht; ein Schauspieler, eine Produzentin, eine früher sehr bekannte Schauspielerin. "Diese Frau? Ich sag dir was: es ist noch schlimmer, wenn sie dich mag" sagt der Schauspieler seiner Produzentin während eines Telefonats, als sie eigentlich zu dritt beim Essen sein sollten, was die Schauspielerin aber kurzerhand umwirft…

SO VIEL SPASS
haben die drei Frauen, die erst gemeinsam essen waren, dann noch zu einer von ihnen nach Hause gingen, etwas tranken, tanzten, sich über die missglückten Männergeschichten in ihrem Leben austauschten. Aber was sie wirklich berührt, erzählen sie nicht - Jane zumindest verschweigt, was sie an diesem Abend zum weinen bringt…

DIE GABE
Sie führen ein glückliches Familienleben: der Erzähler, seine Frau Agnes, Billy, der Sohn - und dann ist da noch Des, ein Freund der Familie, ein Dichter, der mal hierhin, mal dahin getrieben wird und nun eine Weile bei der Familie verbringt.
Des - eine Bereicherung für die ganze Familie, davon ist der Erzähler überzeugt. Und doch wünscht Agnes sich an ihrem Geburtstag, dass Des aus ihrem Leben verschwinden soll…
Eine schöne Erzählung mit laszivem Unterton, die sich für mich aber auch dadurch von den restlichen Salters unterscheidet, da hier wenig Raum für Unterschwelliges bleibt.

PLATIN
Brian heiratet in eine wohlhabende Familie ein; mit einheiraten ist es hier aber nicht getan, das Wort "wir" erhält von nun an eine ganz neue Bedeutung.
Das muss er auch schmerzhaft merken, als er neben seiner Frau noch eine weitere junge Dame zu lieben beginnt - und der Schwiegervater es erfährt…

Und eine weitere Facette, die ans Licht kommt: Salter kann auch auf ganz sanftem Weg feinen Humor zeigen…

PALM COURT
Alles ist wie vor 20 Jahren, als er ihre Stimme wieder hört, und sofort sind jene drei Jahre wieder in seinem Gedächtnis, als es so leicht war neben Noreen, als sie so vertraut war, ihr Lachen, ihre Offenheit, und dabei doch so unerreichbar für einen wie ihn. Bevor sie heiratete hatte sie ihm noch eine letzte Chance zur Umkehr gegeben, die er nicht ergriffen hatte; und nun, nach ihrer Scheidung, wollte sie ihn wiedersehen.

S. 112:
Er begriff in dem Moment, während sie da saß, eine Frau in seiner Wohnung spät am Abend, eine Frau, die er, wie er wusste, liebte, dass sie ihm eine letzte Chance gab. Er wusste, dass er die Chance ergreifen sollte.
"Ach, Noreen", sagte er.

S. 114:
"Arthur, Got, du siehst immer noch genauso aus. Du hast dich überhaupt nicht verändert", sagte sie begeistert. "Ich wollte, ich könnte das von mir sagen."
Es war kaum zu glauben. Sie war zwanzig Jahre älter, sie hatte zugenommen, selbst ihrem Gesicht war es anzusehen. Sie war das schönste Mädchen gewesen.
"Du siehst wunderbar aus", sagte er. "Ich hätte dich überall erkannt."

S. 116:
Sie sah ihn nicht an. Sie betrachtete ihre Hände. Dann lächelte sie wieder. Sie verzieh ihm, dachte er. Das war es. Sie verstand immer alles.
Sie redeten weiter, aber nur so dahin.


Das ist mit der ersten bislang die beste Erzählung für mich in diesem Band; wundervoll, dieses Entgleitenlassen...

BANGKOK
erzählt von einer Frau, die ihren früheren Liebhaber besucht, unaufgefordert, ihn herausfordert, an seine sexuellen Vorlieben erinnert und ihm sein neues, kleines Glück mit Frau und Tochter kleinzureden versucht - was ihr beinahe gelingt...
hat mir sehr gut gefallen.

ARLINGTON
fängt in Kaiserslautern an, Frau eines Soldaten, der für sie alles tut - was ihn vors Militärgericht bringt...
hat mir nicht viel gesagt

LETZTE NACHT
die Titelerzählung ist insgesamt auch die beste; ein Ehepaar und eine Freundin verbringen einen letzten Abend miteinander; die Frau hat Krebs, alle drei wissen, dass nach diesem Abendessen die Spritze auf sie wartet, die sie von ihren Leiden erlösen soll. Doch etwas geht schief...
Mehr will ich davon gar nicht verraten, wenn schon sonst keine, so sollte man zumindest diese eine Erzählung lesen!

James Salter

James Salter wurde 1925 geboren und wuchs in New York auf. Er studierte in West Point und trat 1945 in die Air Force ein. Er diente 12 Jahre im Pazifik, in den USA, in Europa und Korea. Er nahm seinen Abschied, als 1957 sein erster Roman erschien.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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