Veit Heinichen - Der Tod wirft lange Schatten

Originaltitel: Der Tod wirft lange Schatten
Krimi. Zsolnay Verlag 2005
384 Seiten, ISBN: 3552053131

Der eigentliche inhalt ist diesmal nicht so leicht zusammenzufassen, weil Proteo Laurenti mit einigen parallel laufenden Fällen beschäftigt ist, die zwar am Rande miteinander verwickelt sind, aber kein "großer" Fall sich wirklich durch das Buch zieht (was den Krimi für mich aber irgendwie auch authentischer machte).

Zum einem gibts da eine männliche Leiche, die in einem Tal gefunden wird und vermutlich mit der jungen Australierin zusammenhängt, die eigentlich nur nach Triest gekommen war, um das Erbe ihrer Tante abzuwickeln, und dabei auf eine Lagerhalle voll alten Militärfahrzeugen, Waffen etc. gestoßen ist.

Dieses Waffenlager, so wird vermutet, könnte noch zum Nachlass eines vor 20 Jahren ermordeten Waffennarren gehören, der erstaunlich kurz vor dem Prozess gegen die einstigen KZ-Aufseher in Triest ums Leben kam; dass er die Namen der Kollaborateure kannte, war allen bewusst, und doch wurde der Mord an ihm nie aufgeklärt. Diesen hat trotzdem Laurenti jetzt wieder auf den Tisch bekommen.

Mit alten Papieren aus dieser Zeit erpresst auch Victor Drakulic noch einige Leute; und bei der geplanten Übergabe dieser Papiere gegen eine Menge Geld wird eine junge taubstumme Frau unabsichtlich mit ins Geschehen gezogen, die durch eine Erpresserbande zum Betteln gezwungen wird. Sie wiederum vertraut sich ausgerechnte Galvano an, der immer noch sauer darüber ist, dass man ihn mit 82 von seinem Posten als Gerichtsmediziner zwangspensioniert hat...

Was mir an diesen Krimis besonders gefällt:
als die Reihe startete, wars mehr oder weniger doch angelehnt an Donna Leons Brunetti in Venedig. Glückliche Familie mit einigen kleineren Problemchen; es wird gut gegessen und der Fall ist am Ende gelöst, wenn auch nicht immer die Schuldigen hinter Gittern landen.

Aber danach hat sich das Bild langsam gewandelt; mittlerweile hat Laurenti eine Geliebte, die kroatische Staatsanwältin, mit er er im 2. Band zusammen arbeiten musste; sein dicker Fisch, den er schon fast geschnappt hatte, treibt weiterhin sein Unwesen, Und Laurenti weiß, dass er bislang immer nur dessen Marionetten erwischt hat; er ist nicht gerade der liebenswerte, charmante Chef, den man sich unter Brunetti vorstellen kann, sondern wesentlich ruppiger und zieht seine Assistentin Marietta mit ganz schön derben Sprüchen durch den Kakao.

Die Themen wie Menschenhandel, Schmuggel, Korruption etc. sind auch bei Donna Leon zu finden. Aber Heinichen stellt sie auf ein bei weitem auf ein solideres politisches Fundament, berichtet über Hintergründe, historische Verwicklungen und Besonderheiten der Grenzregion.

Außerdem spielen, schon durch die geographische Lage begünstigt, die Balkanstaaten und die dortige Politik eine große Rolle; davon liest man hierzulande ansonsten immer noch recht wenig.

Kurzum: es gibt eine Menge Gründe, endlich mit dieser Krimireihe zu beginnen

Veit Heinichen

Veit Heinichen, geboren 1957, arbeitete als Buchhändler und für verschiedene Verlage. 1994 war er Mitbegründer des Berlin Verlags und bis 1999 dessen Geschäftsführer. Er kam 1980 zum ersten Mal nach Triest, wo er heute lebt. Unter dem Titel Grenzgänge berichtete er für die Badische Zeitung aus der Hafenstadt an der nördlichen Adria.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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