Thomas Bernhard - Die Ursache (Autobiographische Schriften)

Originaltitel: (2) Die Ursache (Autobiographische Schriften)
Roman. Residenz Verlag 2004
108 Seiten, ISBN: 370171374X

Schuljahre, Internatsjahre in Salzburg - das ist die Zeitspanne, die dieser zweite Band der autobiographischen Schriften umfasst. Es sind dies die letzten Kriegsjahre, die Familie lebt noch in Traunstein, der Großvater hatte alles daran gesetzt, seinem Enkel hier die Möglichkeit der humanistischen Bildung zu schaffen, ohne zu bedenken, dass er ihn durch seine Erziehung für ein Schulsystem dieser Art untauglich gemacht hatte.
Bernhard schreibt mit viel Wut im Buch, mit einer oft unerträglichen Bitterkeit und Galligkeit; seine Tiraden wären mir für sich genommen denn auch zu viel geworden. Doch dann berichtet er auch von seinem Leben in Salzburg zu dieser Zeit, von den Bombenangriffen, den Lebensumständen - und obwohl sein Buch gerade mal 100 Seiten hat, vermittelt es mehr aus jener Zeit als mancher dickleibige Roman.


Ich habe mich mit diesem schmalen Band fast vier Abende rumgeschlagen; Thomas Bernhard macht es dem Leser nicht ganz so leicht. Immer wieder hatte ich das Gefühl, dass er einen riesigen Kübel Jauche auskippt - in seinem Wüten ist dann kein Platz mehr für Abstufungen, alles ist nur noch übel, schlecht, erbärmlich.
Wenn in seinem Buch nur dafür Platz gewesen wäre, dann hätte ich auch nicht weiterlesen können; aber es ist ja nur ein Teil des Gelesenen, und ich hatte meist den Eindruck, dass gerade diese ausnahmslose Verurteilung auch dazu diente, zu provozieren.

Dadurch ist man dann auch ganz überrascht, wenn man zu den leisen Tönen des Buches vordringt; zu den Beschreibungen Salzburgs in den letzten Kriegsjahren, den unzureichend belüfteten Stollen, die vielen Menschen das Leben kosteten, die sich darin vor Bombenangriffen schützen wollten; die Bombenangriffe selbst, die Opfer, eine grandiose Szene beschreibt den Anblick des getroffenen Doms; immer wieder reflektiert er dabei jedoch in seine Gegenwart, in der diese Grauenszeit keinen Platz mehr hat, aus der Erinnerung gelöscht zu sein scheint.

Sein Gefühl der Verlassenheit, gerade, weil ihn der über alles geliebte Großvater ins Internat geschickt hatte, in eine Stadt, in der er selbst schon verzweifelt war, hat mich zutiefst angerührt, seine Selbstmordgedanken, die Flucht in die Musik, die er trotzdem nicht so ausüben konnte, dass aus ihm ein Künstler werden würde; es ist ein ziemlich tiefer Einblick, der da ins Innenleben des Autors gewährt wird, und für mich wird dadurch auch das bisschen, was ich von seinen anderen Büchern kenne, verständlicher.

Thomas Bernhard

Thomas Bernhard, geboren 1931, starb 1989 in Oberösterreich. Er gilt als einer der wichtigsten österreichischen Autoren der Nachkriegszeit.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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