Thomas Bernhard - Die Kälte (Autobiographische Schriften)

Originaltitel: (5) Die Kälte (Autobiographische Schriften)
Roman. Residenz Verlag 2004
98 Seiten, ISBN: 370171374X

Nur kurz war die Zeit, die Bernhard nach seiner Entlassung zu Hause verbringen durfte - an einem Ort, an dem nach dem Tod des Großvaters, der Krankheit seiner Mutter wenig Kraft übrig war, auch für ihn noch Sorge aufzubringen. Der Traum von einer Karriere als Sänger ist durch die Krankheit dahin.

In eine Lungenheilstätte wird er nun beordert; zuletzt mit dem Verdacht auf TB ausgezeichnet, gehört er hier zur niedrigsten Gruppe der hier hausenden; er gehört nicht richtig dazu, er hat keine offene TB, er ist noch nicht einmal richtig positiv. Und so wenig erstrebenswert es auch erscheinen mag: er empfindet es als Makel, seine Sputumflasche nicht ordentlich füllen zu können, fast gesund zu sein.

Wie auch im Zauberberg von Thomas Mann gibt es hier Liegekuren, Untersuchungen, Fieberkurven, Pneumothorax; aber es ist eine andere, wesentlich kältere Welt, die Bernhard hier beschreibt.

Dass er hier trotz allem dann im Dorf - das zu betreten den Kranken an sich strikt verboten ist - seinen Lebensmenschen kennenlernt, ist einer der wenigen Glücksfälle.

Für mich war dieser Gegenentwurf zur glänzenden Welt des Zauberbergs so faszinierend wie abstoßend zugleich; jegliches Misstrauen gegen Ärzte kann man, nach der Lektüre dieses Buches, mehr als nur nachempfinden.

In diesem Buch ist auch die Rede von Bernhards leiblichem Vater, den er nie persönlich kennen gelernt hatte; die Mutter, auch der Großvater, hatten stets das Gespräch verweigert, wenn er versuchte, etwas darüber in Erfahrung zu bringen. Nicht, dass er den Namen nicht gekannt hätte, gewusst hätte, dass die Mutter ihn schon in Schulzeiten kannte; aber etwas mehr über die Beziehung der Beiden, über ihn als Menschen, hätte er schon gerne gewusst.

Ich kann mich nur wiederholen: die Lektüre dieser autobiographischen Schriften verschafft einen ganz anderen Zugang zu Bernhard, man merkt - auch wenn sie sicher mit der Distanz einiger Jahre geschrieben sind - dass dieser Mensch einen ungeheuren Lebensmut besaß, eine Kraft, die ihn heftigen Widrigkeiten trotzen ließ. Wenn man erst den Eindruck hatte, hier mit einer destruktiven Persönlichkeit (wohl auch mit der Neigung zum Suizid) konfrontiert zu sein, wird das nach der Lektüre der Bücher sofort revidiert.

Thomas Bernhard

Thomas Bernhard, geboren 1931, starb 1989 in Oberösterreich. Er gilt als einer der wichtigsten österreichischen Autoren der Nachkriegszeit.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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