Javier Marias - Dein Gesicht morgen. 1 - Fieber und Lanze

Originaltitel: Tu rostro manana, 1 - Fiebre y lanza
Roman. Klett Cotta 2004
490 Seiten, ISBN: 360893636X

Man sollte niemals etwas erzählen…", beginnt Jaime (oder Jacobo oder Jacques Deza), der Erzähler, seine Geschichte. Aber er wird genau das Gegenteil tun: Er wird alles erzählen. Er wird vom britischen Geheimdienst erzählen und von dessen Sondereinheit M16. Jaime Deza, der vor vielen Jahren in Oxford unterrichtet hat, kehrt nach England zurück. Dort entdeckt er, dass sein ehemaliger Mentor, Sir Peter Wheeler, Mitglied dieses Geheimdienstes ist und dass er ebenfalls über eine bestimmte Gabe verfügt - oder ist es ein Fluch: Er kann sehen, wie ein Mensch sich später verhalten wird, er kann erkennen, wie das Gesicht morgen sein wird, er weiß, wer ein Verräter sein wird und wer loyal…


Wissen wir heute schon, wer uns morgen verraten wird?

Jacques Deza, die Hauptfigur dieses Romans, hat die Gabe, so genau zu beobachten, dass er solche Aussagen wagt, damit sogar seinen Lebensunterhalt verdient. Sein Vater hätte diese Ahnung gut gebrauchen können, wurde er doch nach dem Spanischen Bürgerkrieg von seinem einst besten Freund verraten und verleumdet…

Zwar braucht man wirklich viel Konzentration, um bei der abschweifenden Erzählweise, bei der die Einschübe mir wesentlich wichtiger sind als das "Erzählte", halbwegs an einem roten Faden, der durch die Seiten führt, festhalten zu können.
Und wirklich neu ist sicher auch nicht, was er da berichtet - aber wie er es tut, wie gut er es versteht, sich in einen Gedanken zu vertiefen, auszuloten, was die eigene Vorstellung quält, das nimmt mich völlig gefangen, und ich könnte immer wieder ganze Passagen anstreichen, weil ich sie so zutreffend finde.

Einer dieser Gedankengänge beginnt mit der besetzten Telefonnummer der Ex-Frau; ausgerechnet an dem Tag, an dem er traditionellerweise die Kinder anruft. Die Überlegungen - nimmt ein anderer seinen Platz ein? Wird er ihn einfach ersetzen, wird er die Erinnerung an ihn auslöschen? etc - sind sicher schon vielen Menschen durch den Kopf gegangen, aber wohl nur wenige haben das so beeindruckend geschildert.

Mit der Geschichte seines eigenen Vaters zeigt der Autor hier Kapitel aus der spanischen Geschichte auf, und verwebt sie wie immer meisterhaft mit seinen Betrachtungen zu Schuld, Wissen und Vertrauen.

Javier Marias

Javier Marías wurde am 20.9.51 in Madrid geboren. Sein Vater ist ein bedeutender spanischer Philosoph. Er ist einer der bedeutendsten Gegenwartsschriftsteller Spaniens.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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