Meir Shalev - Fontanelle

Originaltitel: Fontanella
Roman. Diogenes 2004
570 Seiten, ISBN: 3257064586

Es ist, wie auch schon das andere Buch von Shalev, das ich gelesen habe, ein groß angelegter Familienroman. Hier erzählt Michael Joffe die Geschichte des Clans; bei ihm hat sich die Fontanelle nicht geschlossen, das ist seine Besonderheit. Ansonsten gibt es eine streng vegetarische Mutter (aus Gesundheitgründen, nicht aus Barmherzigkeit), einen einarmigen, ständig fremdgehenden und trotzig fleischessenden Vater, der als einer der wenigen in der Familie wirklich Sinn für Humor hat (dazu gleich mehr); einen Großvater, der groß und stark und ansonsten etwas beschränkt ist, einen angeheirateten Onkel, der sich so sehr in die hübsche Tante verliebt hatte, dass er einwilligte, die gesamte Familie zu versorgen, wenn sie nur seine Frau würde, und und und.

Es dauert etwas, bis das alles in Gang kommt, ist anfangs meines Erachtens auch sprachlich etwas schwerfällig, aber dazwischen gibt es wunderbare Szenen, und so nach und nach entsteht ein sehr farbenprächtiges Bild dieser Sippe. Schöne Szene zum Beispiel: der fünfjährige Michael ist in einem Weizenfeld eingeschlafen, das zu brennen beginnt. Er wird daraus gerette, aber im Krankenhaus verweigert seine Mutter, dass er mit den üblichen Salben beschmiert wird, sondern bringt ihre eigenen Umschläge und Gemüsepasten etc. an. Der Vater daraufhin: "Jetzt gibt’s du ihm das Gemüse bei? Das hättest du tun sollen, als er auf dem Feuer war".

Shalev erzählt auf vielen Zeitebenen gleichzeitig, man kennt das Ende einiger Geschichten, den Weg dahin jedoch nicht, und diese Lücken werden nach und nach, immer wieder unterbrochen durch Aktuelleres, gefüllt. Das ist sicher verwirrend, wenn man zu lange Lesepausen hat und sich in dem nicht gerade kleinen Personal und ihren verschlungenen Beziehungen zueinander nicht mehr zurechtfindet.

Gegen Ende hin lässt der Schwung zwar etwas nach, mit dem Shalev die vielen kleinen Geschichten zu Ende führt, doch insgesamt hat er es geschafft, mit seinem großangelegten Generationenroman auch ein Stück Zeitgeschichte im Hintergrund zu portraitieren.

Das eigentlich Spannende an diesem Roman für mich war, wie er die Entstehung des kleinen Städtchens schildert; die Joffes als "einfache" Siedler, verfolgt von einigen Juden, die sich in ihrem Schatten niederlassen und als Gründer des Dorfes gelten. Bei ihnen spielt Religion eine wesentlich größere Rolle als bei den Joffes, die aber umgekehrt, als eine der Töchter einen Deutschen heiratet, auch mit Familienausschluss reagieren.

Andererseits kommt das beste jüdische Essen in der Familie von einer Beduinenfrau (die weiß, dass das Essen gelungen ist, wenn sie sich beim Kosten übergeben muss), und und und. Es sind unzählige Geschichten und Geschichtlein drin verwoben.

Ein großer Teil des geschilderten Geschehens findet zur Zeit des 2. Weltkriegs statt, der jedoch hier so an den Rand gedrängt ist, dass man es kaum zu glauben mag; das deutsche benachbarte Templerdorf, mit dem man zuvor gar keinen so schlechten Umgang gezeigt hatte, wird ausgewiesen (und Batia, eine Joffe, aus Liebe mit ihnen), Hitler ist zwar im Gespräch, aber ansonsten wird weder dem Holocaust noch den Überlebenden, die jetzt ins Land drängen, viel Beachtung geschenkt.

Hier wird, wie gesagt, den großen historischen Ereignissen nur am Rande Platz eingeräumt. Dennoch finde ich den Roman aus zeitgeschichtlichen Aspekten interessant, weil er für mich die Wandlung von ersten Pionieransiedlungen und der Form, in der das Zusammenleben mit anderen Gruppen geregelt war oder auch nicht, zur heutigen Stadtgemeinschaft sehr gut spiegelte.

Shalev (dass er der Onkel von Zeruya Shalev ist, ist ja bekannt, oder?) hat zu Beginn des Romans seine Personen ziemlich scharf überzeichnet, ihre Absonderheiten herausgestrichen, wahrscheinlich auch, um sie unterscheidbarer zu machen. Jetzt vertraut er darauf, dass der Leser diese Umrisse schon im Hinterkopf hat und kann es sich erlauben, seine Figuren menschlicher und vielschichtiger zu machen.

Man braucht als Leser etwas Geduld und muss sich auch mit einigen märchenhaften Elementen anfreunden können (die offene Fontanelle, die bildhafte Sprache in der Beschreibung einiger Figuren, wie dem Großvater, der gegen Ende auf babygröße schrumpft) - aber es lohnt sich.

Meir Shalev

Meir Shalev ist so alt wie sein Land. Er wurde 1948 in Nahalol geboren und lebt heute in Jerusalem. Mit 19 Jahren kämpfte er im Sechstagekrieg und wurde schwer verwundet. An der Hebrew University in Jerusalem studierte er Kunst und Psychologie. Dann arbeitete er als Rundfunkautor. Als Shalev vor gut zehn Jahren zu Schreiben begann, war er bereits ein erfolgreicher Fernsehmoderator. Neben Büchern verfaßt er regelmäßig Beiträge für Zeitungen und Zeitschriften, wobei seine Artikel über politische Probleme in Israel großen Wiederhall finden. Shalev gehört inzwischen zu den bekanntesten Schriftstellern Israels.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:

  • Ein russischer Roman
  • Esaus Kuß
  • Im Haus der großen Frau
  • Fontanelle
  • Der Junge und die Taube
  • Meine russische Großmutter und ihr amerikanischer Staubsauger

Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©07.06.2005 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing