Edward P. Jones - Die bekannte Welt

Originaltitel: The Known World
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2004
388 Seiten, ISBN: 0060557559

Als Henry Townsend stirbt, ändert sich auf seiner Plantage zunächst wenig. Moses, der Aufseher, führt die anderen Sklaven wie auch sonst jeden Tag aufs Feld. Und doch beginnt schon in diesem Moment, das kleine Universum, das Henry aufgebaut hatte, auseinanderzubrechen.

Was Henry Townsend von den anderen Sklavenhaltern zu seiner Zeit unterscheidet ist, dass er selbst als Sklave geboren wurde, dass sein Vater, dem erlaubt wurde, einen Teil des von ihm erwirtschafteten Geldes zu behalten, erst sich selbst, seine Frau, und dann schließlich Henry freikaufen konnte. Henry Townsend ist einer, aber nicht der einzige schwarze Sklavenhalter. Hat er nicht auch, wie jeder andere freie Mann, das Recht dazu?

Henrys früherer Eigentümer, William Robbins, hatte den intelligenten Jungen schon früh ins Herz geschlossen und ihn auch als Freien unterstützt; er war es, der ihm das erste Stück Land verkaufte, und er trat auch als Mittelsmann für die Sklavenkäufe auf, denn hier in Manchester, Virginia, war es Schwarzen zwar erlaubt, Sklaven zu besitzen, aber nicht, sie zu kaufen.

Während man als Leser verfolgt, was auf Henry Townsends Plantage nach seinem Tod geschieht, erfährt man auch, dass Robbins neben seiner offiziellen Ehefrau noch eine schwarze Frau hat, mit der er zwei innig geliebte Kinder hat; auch die Lebensumstände der Lehrerin seiner Kinder werden ausführlich dargelegt, ebenso die des Sherrifs, dessen Deputy, der Streife, die nachts darauf achten soll, dass keine Sklaven entlaufen, natürlich auch von eine Handvoll der Sklaven auf der Plantage. Ein ziemlich ausufernder Strauß an miteinander verwobenen Geschichten also, die in Vor- und Rückblenden erzählt werden, während Caldonia und Moses ihr Herrin/Sklave-Verhältnis auf eine körperliche Ebene ausweiten, was Moses in der Hoffnung wiegt, bald freigelassen und als Ehemann und Master installiert zu werden.

Was aus seinen Vorstellungen wird ist nur ein Teil des ausgesprochen vielschichtigen Buches, das ich euch wirklich nachdrücklich ans Herz legen möchte. Die hier angesprochen Handlungsfäden sind nur einige von vielen, die sich zu einem sehr sehr dichten Bild verweben, die ein bislang zumindest mir neues Licht auf Sklavenhaltung und Rassismus werfen. Auch wenn die vielen Geschichten manchmal anfangs den Anschein erwecken, nicht viel zum eigentlichen Handlungsverlauf beizutragen, sind gerade sie es, die dann umso stärker im Gedächtnis bleiben.

Es ist mir nicht immer leichtgefallen, in diesem Buch weiterzulesen, mich hat die sehr sprunghafte Erzählweise manchmal auch angestrengt, weil sie mir mehr Konzentration abverlangte, als ich zeitweilig aufbringen konnte oder wollte. Aber wie schon erwähnt - es ist ein Buch, das ich von Herzen gerne weiterempfehle und mit Sicherheit auch, wenn es als Taschenbuch erschienen ist, versuchen werde, mit einer meiner Lesegruppen zu diskutieren.

Lesen!

Edward P. Jones

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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