Wolfgang Hilbig - Das Provisorium

Originaltitel: Das Provisorium
Roman. S. Fischer Verlag 1999
320 Seiten, ISBN: 359615099X

Er hat es geschafft, schon vor der Wende nach Westdeutschland zu gelangen, lebt hier von Stipendien, wird von Frauen umsorgt, und doch: seit er hier ist, kann er nicht mehr schreiben, er lebt im Provisorium… Interessant, ja, auch teilweise sehr gut zu lesen, aber insgesamt hat mir dieses Portrait eines immer tiefer in Alkoholismus und Zerstörung versinkenden Mannes nicht so zugesagt.

Ich lese ungern Bücher, in denen der Protagonist an sich zutiefst unsympathisch ist; andererseits spricht gerade die Tatsache, dass ich mir diese Person so gut vergegenwärtigen konnte und sie dadurch ablehnen konnte, wieder für die Fähigkeit des Autors, durch seinen Text eine sehr reale Figur zu schaffen.

Es gibt Passagen, da ist die Verzweiflung und der Selbsthass des Protagonisten auf eine recht leise und für mich umso eindringlichere Weise spürbar, da blitzt für mich unter den ansonsten recht ermüdenden galligen Ergüssen ein Mensch auf, der scheitert, sich seines Scheiterns bewusst ist und nicht weiß, wie er sich wehren könnte. Diese wenigen Absätze fand ich großartig.

Ein Roman muss nicht unbedingt "Handlung" haben, eine Geschichte erzählen, das macht auch dieses Buch nicht; der Plot lässt sich in ganz wenigen Sätzen auf "DDR-Schriftsteller mit Westvisum verliert durch diese Freiheit den Gegner, an dem er seinen Hass ab-schreiben konnte und richtet ihn gegen sich selbst, kann nicht mehr schreiben, nicht lieben sondern nur noch trinken und sich im Kreis bewegen. Als er ganz unten ist und langsam aufhört zu trinken, zerbricht die DDR…" reduzieren. Braucht es dazu über 300 Seiten?

In meinen Augen nicht. Wenn Hilbig über seine Zeit als verkannter Dichter schreibt, als Arbeiter, der nichts mit einem Intellektuellen gemein hat und trotzdem schreibt, der abgelehnt wird etc, und er ovn der DDR erzählt, dann wirkt das auf mich lebendig, bitter zwar, aber: echt.

Aber Hilbig muss sich im "Westteil" an allen Themen abarbeiten, an Konsum, Fußgängerzonen, Literaturbetrieb, Pornographie, und natürlich darf auch Auschwitz nicht fehlen. So, wie Hilbig die Nazi-Gräuel thematisiert sind sie wirklich ein Totschlagargument gegen jegliche Leichtigkeit in Literatur, ich zitiere:

S. 256:
Es war in diesem Jahrhundert mit den Romanhelden kläglich zu Ende gegangen, so dachte er weiter, während er umkehrte und wieder in Richtung Kobergerstraße ging. Seit der Jahrhundertmitte etwaa hatte es sich gezeigt, als man von den Deportationen erfuhr, als die Bilder von den Viehwaggons auftauchten, die mit Menschen vollgestopft waren, als die ersten Filme mit den Leichenbergen hektisch und grausam über die Leinwand liefen, las die Wirklichkeit hinter den Lügen ruchbar wurde. Das Leben einer Romanfigur, ihre Verwirrungen und Leiden, ihr Umgetriebensein, ihr Unglück oder Glück, war nichtswürdig, dumm und banal im Vergleich zu denen, die in den Lagern gewesen waren; die Geschichten der Romanfiguren waren nichts mehr wert, nicht mher einen Anschlag auf der Schreibmaschine waren sie wert, es waren Abfallprodukte für Idioten geworden.


Hilbig hat für mich das, was ich an seinem Buch weiters auszusetzen habe, ebenfalls schon in den Roman eingearbeitet:

S. 118f
In der Tat ging es bei dem, was da vorgelesen wurde, was da mehr oder weniger flüssig über ein Mikrofon dem Luftraum eingeredet wurde, dessen Aufnahmefähigkeit freilich, je nach der Saalgröße, begrenzt war, es ging in den meisten dieser Texte um die Existenzbedingungen von Schriftstellern. Schriftsteller referierten über Schriftsteller, oft genug mit der subtileren Variante, in der ein Autor über einen Autor schriftstellerte, der über die Schriftstellerei eines dritten Autors schrieb … über dessen Schwierigkeiten mit dem Berufsleben, oder über die Umstände, die ihn - oder beide: den schreibenden Autor und den beschriebenen Autor - diesem Beruf in die Fänge getrieben hatten. In den besten Fällen ging es um eine Liebschaft, die zustande gekommen war aufgrund der Fügung, dass es sich bei zumindest einer der füreinander entflammten Figuren um einen Autor oder um eine Autorin handelte, oft aber waren beide Schriftsteller.


Die immer länger und länger werdenden Passagen, in denen Hilbig das Abgleiten seines Protagonisten in den Alkoholismus beschreibt (durchaus eklig wie zB hier:
S. 293 Manchmal geschah es, dass er sich gleich nach dem Erwachen von der Matratze herunter erbrach … er brauchte den hämmernden Schädel dafür nur bis zum Rand der Matratze zu schieben, und der unverdaute Alkohol entströmte lautlos seiner Kehle, stinkend und gefärbt wie schwarzes Blut, vermischt mit einigen Brotbrocken und unzerkauten Salzgurkenscheiben … wenn er wieder zu Atem kam, nahm er eins der Bücher und wischte die Höllenbrühe, die aus seinem Leib geflossen war, in eine Plastiktüte; das Buch, Abteilung Holocaust & Gulag, versenkte er gleich mit in der Tüte; und er kaufte es sich meist noch am selben Tag neu) haben mich nicht nur angewidert, ich habe mir auch oft die Frage gestellt: warum lese ich das überhaupt weiter? Mich interessiert es ehrlich gesagt nicht zu lesen, was einem bitteren Saufkopf durch den Schädel geht…


Wolfgang Hilbig

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


Neues aus dem LESELUST-Blog

Claude Lanzmann - Der patagonische Hase. Erinnerungen

Claude Lanzmann ist der Mann, der den Film "Shoah" geschaffen hat. Er hat als Filmemacher, Journalist, Lektor gearbeitet, sich schon in der Jugend in der Resistance organisiert, mit Simone de Beauvoir zusammengelebt, Angelika Schrobsdorff geheiratet… kurzum: ein ausgesprochen ereignisreiches Leben gelebt, von dem er in diesem Buch erzählt. Ein Zeitzeugnis, fürwahr - manchmal zwar aufgrund der Eitelkeit des Autors nur schwer erträglich, aber die letzten 200 Seiten, in denen er von der Enstehung seines Hauptwerks berichtet, lassen alle vorherigen Kritikpunkte zurücktreten. [..MEHR..]

Link zum Diskussionsforum

©18.04.2004 Daniela Ecker (Brezing) - - - Impressum - - - © 1998-2013 LESELUST Daniela & Markus Brezing