Erich Hackl - Anprobieren eines Vaters. Geschichten und Erwägungen

Originaltitel: Anprobieren eines Vaters. Geschichten und Erwägungen
Roman. Diogenes 2004
301 Seiten, ISBN: 3257063849

Anprobieren eines Vaters ist die Titelgeschichte und handelt von einem Ferdinand Hackl, der als Kind keine Liebe erfährt, ein bisschen auf die schiefe Bahn gerät, in die politischen Wirren reinrutscht … und ich dachte noch: nein, das ist jetzt nicht unbedingt dein Buch, das ist zu sachlich, das ist zwar interessant, berührt dich aber nicht.

Aber bei der nächsten, Der Anarchist von Leonding, passierte plötzlich etwas ganz seltsames; für mich ist das auch eines der Gründe, warum ich Hackl zwar nicht unbedingt für einen großartigen Stilisten, aber eine wichtige literarische Stimme halte: plötzlich wurde dieser Spanier, der gegen Franco kämpfte und dann von den Nazis in ein KZ gesperrt wurde, zu einem Teil meiner Heimatgeschichte, plötzlich lese ich, dass der an der Brücke, über die ich tausendmal gegangen bin, als Zwangsarbeiter mitbauen musste, und schon ist diese Geschichte ein kleiner spitzer Stein im Schuh; ein Anstoß, genauer hinzusehen, Selbstverständliches zu überdenken.

Ja, und da es gerade so aktuell ist, für mich auch ein kleiner Vergleich mit der politischen Aussage, die zB von Elfriede Jelinek käme: was diese Autorin anprangert und geißelt kann man mit dem Argument "die schimpft sowieso auf alles, ist nur negativ" von sich wegschieben.
Hackl verurteilt nicht. Das ist glaube ich einer der wesentlichen Punkte in seinen Büchern; er bezieht zwar ganz klar Stellung, entschuldigt auch das Fehlverhalten nicht, aber gerade dadurch, dass er es nur zeigt und nicht anprangert, dadurch, dass er auch Ambivalenzen zulässt, hindert er den Leser am Wegsehen.

Er schreibt gegen das Vergessen von Menschen, die mutig waren, sich engagierten, die aber in keinem Geschichtsbuch zu finden sein werden; er ist ein Chronist.

In einer dieser Geschichten, als er vom Leben einer Frau erzählt, die er sehr mochte, über die er aber, wie er (und auch andere) feststellt, nur sehr wenig weiß, hat er folgendes geschrieben:

Ich habe Ruth sehr gemocht. Dass ich so wenig von ihr weiß, liegt auch an meiner Sympathie: Sie gab mir nie das Gefühl, mit einer Älteren zusammenzusein, wir unterhielten uns wie Gleichaltrige, die überdies eine Übereinstimmung in politischen oder sagen wir, sittlichen Belangen verbindet. Menschen, die übereinstimmen, neigen dazu, einander keine Fragen zu stellen, sie teilen Sachverhalte mit oder tauschen Meinungen.


Fand ich sehr treffend, ein Satz, den ich gut nachvollziehen kann.

Wer Hackl kennt weiß, dass das keine "drinversinken"-Lektüre ist, es ist eher sachlich und nüchtern. Nocheinmal der Vergleich mit Jelinek: bei ihr hatte ich den Eindruck, sie mag Menschen eigentlich nicht. Hackl hingegen lässt spüren, dass der Einzelne ihm wichtig ist, dass er vielleicht die Welt durch seine Notizen ein Stück wärmer und lebendiger machen möchte.

Mich jedenfalls hat er mit diesem Buch auf ganz eigenartige Weise gepackt - und auch wenn ich noch nicht mal bei der Hälfte bin, kann ich trotzdem jetzt schon eine Empfehlung dafür aussprechen.

Erich Hackl

Erich Hackl wurde 1954 in Steyr (Oberösterreich) geboren, studierte Germanistik und Hispanistik in Salzburg und Málaga. Ab 1977 Lektor und Lehrer in Madrid und Wien, seit 1983 freier Schriftsteller und Übersetzer sowie Herausgeber von Werken unbekannter oder an den Rand gedrängter Autoren.

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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