Zoya Pirzad - Die Lichter lösche ich

Originaltitel: Tcheragh-ha ra man chamusch mikonam
Roman. Insel Verlag 2006
300 Seiten, ISBN: 3458172939

Ganz unvermittelt befinden wir uns nach Aufschlagen dieses Romans ca. 40 Jahre vor der heutigen Zeit in Abadan, einer Stadt am persischen Golf. Clarisse, die Hauptakteurin dieses Romans, lebt hier seit 17 Jahren mit ihrem Mann; beide stammen sie aus armenischen Familien und hatten davor in Teheran gelebt.

Auch Alice, Clarisses Schwester, und ihre Mutter leben in Abadan und haben sich schon lange angewöhnt, laufend unangekündigt vorbeizukommen, zu lamentieren, zu erzählen, Klatsch und Tratsch auszutauschen und die Haushaltsführung zu kritisieren.

Aber davon später. An diesem Tag, mit dem das Buch beginnt, bringen die etwa zwölfjährigen Zwillinge eine neue Freundin mit nach Hause. Emily ist mit ihrem Vater Emil und ihrer Großmutter gerade im Haus gegenüber eingezogen; sie sieht hinreißend aus, ganz helle, unschuldige Schönheit - und hat damit auch sofort das Herz von Clarisses Sohn erobert.

Dass mit dieser Familie etwas nicht stimmt, ist allerdings auch rasch erkennbar - die Großmutter ist eine Tyrannin, von der Enkelin wie dem Sohn gefürchtet, Emilys Unschuld wirkt auf Clarisse irgendwie befremdend, ohne dass sie erst hätte festmachen können, warum; und dann ist da noch Emil. Ein Mann, dessen Gesellschaft sogar Clarisses Mann schätzt, der sich sonst hauptsächlich für Politik interessiert. Ein Mann, der Clarisse dazu bringt, eine Stunde lang über die Bücher zu sprechen, die sie faszinieren. Ein Mann, der als einziger zu bemerken scheint, wie sehr die Art, wie Clarisse ihre Wohnung gestaltet, mit welcher Liebe sie ihre Pflanzen behandlet, sie von den anderen Frauen unterscheidet.

Während die Tatsache, dass ein neuer Junggeselle in der Umgebung aufgetaucht ist, sowohl Alice als auch eine von Clarisses Freundinnen zu wildem Aktionismus bewegt, kämpft diese inmitten des Wirbelsturms mit ganz anderen Gefühlen...

"Die Lichter lösche ich" ist ein Roman, der ganz leicht und heiter erscheint, und dabei auch durch die Art, wie er erzählt wird, die existentiellen Themen behandelt. Ich war begeistert davon, wie auch sprachlich klar wird, dass alles auf Clarisse einstürmt, dass sie zwar im Zentrum steht, aber dennoch nicht wirklich wahrgenommen wird, dass sie rotiert, um alle zufriedenzustellen, und in sich dabei eine ungeheure Leere verspürt.

Das alles wurde zumindest für mich beim Lesen noch durch dadurch interessanter, dass ich auch viel über den Alltag in einer Gesellschaft lesen konnte, die mir fremd ist; dabei sind auch die hier agierenden Personen in dem Land, in dem sie leben, nach wie vor fremd, ist ihr persisch nicht gerade brilliant, fühlen sie sich nach wie vor als Armenier, die vertrieben wurden.

Ich kann nur hoffen, von dieser Autorin zukünftig noch mehr zu lesen! Im Moment allerdings lege ich euch den hier vorliegenden ans Herz.

Zoya Pirzad

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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