Philippe Grimbert - Ein Geheimnis

Originaltitel: Un Secret
Roman. Suhrkamp Verlag 2006
154 Seiten, ISBN: 3518417509

In diesem Roman arbeitet der Autor ein Stück seiner eigenen Familiengeschichte auf.

Er erzählt von sich als kleinem Jungen; im Gegensatz zu seinen athletischen, gutgebauten Eltern ist er selbst schwächlich; vom Sportunterricht ausgeschlossen, am Pausenhof nie als Mitspieler, sondern nur am Rand des Geschehens zu finden, in der Nähe der Mädchen, denen er verstohlen unter die Röcke guckt während sie seilspringen.

Im Blick seines Vaters spürt er immer wieder eine Enttäuschung; er ist nicht der Sohn, den dieser Vater verdient hätte, ist nicht der, der ihn Sonntags auf den Sportplatz begleiten und dort mit ihm gemeinsam glänzen kann.

Er erfindet sich das, was er nicht hat, nicht kennt: er erfindet sich einen älteren Bruder, der die Kämpfe für ihn am Schulhof ausficht, an dem er sich reiben und messen kann, der für ihn aufmüpfig und strahlend ist. Im Unterricht hört er, wie der Bruder ihm die richtigen Antworten einflüstert.

Ein Gegengewicht zu diesem Bruder findet er eines Tages im Abstellraum - einen zerschlissenen Stoffhund, den er sich spontan aneignet und als "Sim" benennt. Die Traurigkeit im Blick seiner Eltern, ihr leises Zusammenzucken, bemerkt er kaum.

Was er ihnen damit wohl täglich angetan hat, merkt er erst, als ihm viele Jahre später eine gute Freundin der Familie mehr über die Geschichte seiner Eltern erzählt - und auch über den Bruder, den er nie kennengelernt hat...

Soweit ist der Inhalt ja bekannt; mehr zu erzählen hieße, wirklich zu viel vorwegzunehmen (kleiner Hinweis an dieser Stelle: in den Amazon-Rezensionen ist wirklich auch das letzte Detail noch verraten...).

Philippe erzählt sich selbst die Geschichte seiner Eltern, und das zweimal - aus dieser Perspektive heraus kann man dann auch die doch sehr naiv-vereinfachte Darstellung ihrer gegenseitigen Anziehung akzeptieren. Das war für mich ein deutlicher Schwachpunkt des Buches: dass hier fast schon wie in einem Groschenheft dreimal auf einer Seite die Rede davon ist, wie "betört" sie voneinander waren etc.

Dabei ist der Hintergrund dieser Lebens- und Liebesgeschichte von einer unglaublichen Tragik; trotz aller darstellerischen Mängel hat es mich sehr, sehr angerührt zu lesen, mit welchen Lebenslasten diese Familie weiterlebt.

Philippe Grimbert ist Psychoanalytiker. Er hat diesen Beruf vor allem auch gewählt, weil er selbst spürte, wie unverarbeitete Vergangenheit das Leben erschweren kann. Ausgerechnet der Tod des Hundes seiner Eltern ist in diesem Fall der Auslöser dafür, dass innerhalb der Familie zum ersten Mal offen gesprochen werden kann, dass Schuld und Reue thematisiert werden.

Es ist für mich kein rundum geglücktes Buch - aber eines, das mich inhaltlich noch länger beschäftigen wird, weil es Fragen aufwirft.

Mehr zum Autor (und leider auch zu viel zum Inhalt, und das stellenweise auch noch falsch) findet man übrigens in einem Artikel in der Literarischen Welt.

Ob ich das Buch weiterempfehlen kann? Ja, kann ich. Vor allem an jüngere Leser.

Philippe Grimbert

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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