Nicholas Michel - Die Blaue

Originaltitel: La Bleue
Roman. Klett Cotta 2006
210 Seiten, ISBN: 3608936165

Das Kind sollte die Fortsetzung einer überraschenden, beglückenden Liebesgeschichte sein. Marie und Pierrot waren sich in der Bibliothek begegnet, waren sich über Artischocken und Omlette näher gekommen; diese Geschichte, das hatten sie sich oft ausgemalt, würden sie ihrer Tochter erzählen, sobald diese alt genug wäre.

Doch dann wird Alice geboren - und der Schock ist groß. Denn die Hautfarbe ihrer Tochter ist nicht rosig, sondern blau. Sie leidet, wie sie später erfahren werden, unter einer Zyanose. Ihr Blut ist zu wenig mit Sauerstoff gesättigt; doch sie ist gesund.

Erst kann Marie sie kaum anfassen, dieses so kalt erscheinende Kind. Pierrot ist es, der sich anfangs vor allem um sie kümmert, sie beruhigt, ihr Kosenamen gibt. "Meine Kornblume", "Schlumpfinchen". Er sorgt dafür, dass sie hinaus in die Welt gehen, dass sie sich mit ihr zeigen, sie nicht verstecken.

Aber bald schon kommen die ersten Reporter, die eine Geschichte über "die Blaue" schreiben wollen; die Diskriminierung fängt schon im Kindergarten an, setzt sich in der Schule fort.

Nur in Adrien scheint Alice einen treuen Freund zu haben; er verteidigt sie, ist ihr treu ergeben. Er ist ihr bester Freund; zumindest so lange, bis er ihr eines Abends zu Nahe kommt.

Ab diesem Zeitpunkt geht alles in die Brüche. Marie und Pierrot trennen sich; Alice bleibt beim Vater, ihr Bruder, das Kind, das Marie unbedingt wollte, dieses gesunde Kind, das - was Pierrot nicht weiß - nicht von Pierrot stammt, bleibt bei Marie. Und Alice? Alice versteckt sich hinter Schichten von MakeUp, sie schwimmt, sie malt - malt sich in eine Einsamkeit hinein, aus der es kein Entrinnen gibt...

Die erste Hälfte dieses Romans, in der die Zeit unmittelbar nach der Geburt und die Kindheit von Alice geschildert wird, war ich noch sehr angerührt, versuchte mir, ihr Schicksal, ihre Farbe, die Reaktionen der Umwelt vorzustellen.

Doch zunehmend wurden die Schilderungen blasser, wurde um des - für mich billigen - Effekts wegen dramatische Wendungen eingebaut, wenn ein alltägliches Drama viel interessanter gewesen wäre.

Als Alice am Ende verschwindet, war sie auch aus meinem Leserinteresse schon weg, und ich habe sie so wenig vermisst wie ihr Vater....

Nicholas Michel

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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