Peter James - Stirb langsam

Originaltitel: Dead Simple
Krimi. (englischsprachiger Verlag) 2005
467 Seiten, ISBN: 0330434195

Das Ausgangsszenario dieses Krimis war für mich sofort absolut faszinierend:
Fünf Freunde sind gemeinsam auf einer Kneipentour, um den Polterabend eines von ihnen zu feiern. Bei vergleichbaren Veranstaltungen in der Vergangenheit hatte dieser, Michael, seinen Freunden ziemlich üble Streiche gespielt. Einen hatte er zum Beispiel in den Zug nach Edinburgh gesetzt, ihn da mit Handschellen angekettet - und das in der Nacht vor der Trauung, die in London stattfinden sollte...

Kein Wunder also, dass die Freunde sich die Gelegenheit nicht entgehen lassen wollen, nun auch an Michael Rache zu üben. In weiser Voraussicht, und weil sie nicht einen total verkaterten Bräutigam vor sich stehen haben wollte, hatte Michaels Braut Allison darauf bestanden, dass der Polterabend bereits am Dienstag abend stattfindet. Aber was die Freunde wirklich mit Michael vorhaben, hätte er sich in seinen schlimmsten Albträumen nicht ausmalen können: er wird kurzerhand in einen Sarg geworfen, noch mit Walkie-Talkie, einer Flasche Whiskey, einer Taschenlampe und einem Männermagazin beglückt - und dann wird der Sarg zu seinem Entsetzen zugeschraubt. Aber es soll noch schlimmer kommen: denn nun wird er auch noch in ein Grab hinuntergelassen und hört Erde auf den Sarg poltern. Einen Atemtrichter immerhin hat man ihm zugestanden... und dann sind sie weg, seine Freunde.

Trotz verzweifelter Kommunikationsversuche mit dem Walkie-Talkie bleiben sie auch weg. Und vor allem: keiner kommt, ihn zu holen! Denn was Michael nicht weiß: unmittelbar nachdem sie ihn verscharrt haben, sind seine Freunde in einen Unfall verwickelt worden - der für alle vier tödlich endete.

Die verzweifelte Braut kann es nicht fassen - der Unfall an sich ist schlimm genug, aber dass keine Spur von Michael zu finden ist, versetzt sie in Panik. Nur einer kann noch wissen, wo Michael sein könnte: sein Freund, Geschäftspartner und Trauzeuge, Mark. Der nicht rechtzeitig zum Polterabend kommen konnte, weil ein Flug Verspätung hatte.

Doch Mark... nun, Mark reagiert ungewöhnlich. Statt seinen Freund zu befreien, fährt er nachts hinaus in den Wald, um auch den Beatmungstrichter noch zu entfernen...

Mehr zu verraten, hieße die Spannung wegzunehmen. Wer aber glaubt, dass damit der Großteil ohnehin schon erzählt ist, irrt - denn nun geht es erst richtig los, was hier an Geschichten dann ausgegraben wird, welche Verwicklungen sich noch ergeben, wie die Polizei, die dann ja irgendwann auch eingeschalten wird, sich langsam an den Fall herantastet, das ist für den Leser immer wieder mit echten Überraschungsmomenten verbunden. Und spannend ist es obendrein; zumal man als Leser allen Beteiligten gegenüber einen enormen Wissensvorsprung hat.

Als Ermittler wird Roy Grace vorgestellt; wie ich mittlerweile weiß, ist "Dead Simple" der erste Band einer Reihe, und ich werde mit Sicherheit zumindest Teil 2 noch ausprobieren. Roy Grace hat vor fast 10 Jahren seine Frau Sandy verloren - wobei verloren nicht ganz trifft, was ihm zugestoßen ist: Sandy ist eines Abends spurlos verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Auch die zahllosen Versuche, über ein Medium mehr über Sandys Aufenthaltsort oder Schicksal herauszufinden sind fehlgeschlagen; was Grace aus dieser Zeit jedoch geblieben ist, sind die guten Kontakte zu diesen Medien, die er immer mal wieder sehr zum Verdruss seiner Vorgesetzten auch bei der Ermittlungsarbeit einsetzt.

Nein, ganz makellos ist auch dieser wirklich sehr spannende Krimi nicht. Man kann ihm einerseits vorwerfen, schon auf eine potentielle Verfilmung hin geschrieben zu sein; es ist ein sehr szenischer, bildhafter Stil, und zum Beispiel die Verfolgungsjagd am Ende gehört zu einer Art von "Spannung", die mich insgesamt eher langweilt statt in Atem hält.

Außerdem kommt dann irgendwann eine ziemlich absurde Wendung, die zwar ebenfalls hochspannend ist, aber (wie ich vor allem gemerkt habe, als ich es heute nacherzählt habe) einfach echt sehr sehr abgedreht ist.

Trotzdem: es war eine spannende, wunderbare Unterhaltung, bin immer noch ganz in Atem.

Peter James

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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