Jodi Picoult - Beim Leben meiner Schwester

Originaltitel: My Sister´s Keeper
Roman. (englischsprachiger Verlag) 2004
422 Seiten, ISBN: 3492247962

Es gab eine Zeit im Leben der Familie Fitzgerald, da war die Welt in Ordnung. Brian ist Feuerwehrmann, seine Frau Anwältin, die ihren Beruf allerdings aufgegeben hat, als die Kinder kamen; ein Sohn, eine Tochter, Kate.

Kate ist noch ein Kleinkind, als bei ihr eine sehr schwere, untypische Krebserkrankung festgestellt wird: sie hat Leukämie, eine seltene, sehr aggressive Art. Und keiner aus der Familie, auch nicht der kleine Bruder, kommen als Spender in Frage. Aber es gäbe noch eine Möglichkeit: ein weiteres Kind. Eines, dessen genetisches Erbmaterial so identisch wie möglich mit dem Kates ist. Ein Kind, in der Petrischale gezeugt und aufgrund genetischer Eigenschaften ausgewählt.

Trotzdem sollte Anna eigentlich ein normales Leben führen; nur das Blut, das aus der Nabelschnur gewonnen werden kann, sollte für Kates Überleben schon reichen.

Anfangs tut es das auch. Doch im Laufe der Jahre werden die Eingriffe immer mehr, die Annas Körper benötigen: Blut, Stammzellen, Knochenmark - und nun soll sie auch eine ihrer Nieren spenden.

Doch an dieser Stelle greift die mittlerweile dreizehnjährige zu einem drastischen Mittel: sie nimmt sich einen Anwalt und will, dass er für sie das Recht erstreitet, die medizinische Entscheidungsgewalt über ihren Körper bereits jetzt zu erlangen...

Eines gleich vorweg: es ist ein unglaublich emotionales Buch. Schon auf den ersten Seiten hatte es mich gepackt, ich hatte fast die ganze Zeit über Tränen in den Augen, und die moralische Fragestellung der Geschichte ist so, dass man ewig darüber nachdenken könnte...

Wie ist es, sich in der Situation der Mutter zu sehen, die weiß, ihr eines Kind nur dadurch retten zu können, dass sie einem anderen Schmerzen und andere Beeinträchtigungen zufügt? Wie ist es vor allem, als Schwester dazustehen und das Gefühl zu haben, ein lebendes Ersatzteillager zu sein? Wie lebt es sich in einer Familie mit einem chronisch kranken Menschen, dessen Rückfälle sämtliche anderen Pläne durcheinanderwerfen können, auf den immer Rücksicht genommen werden muss? Wie kann man als Eltern die unterschiedlichen Bedürfnisse der Kinder trotzdem erfüllen, oder geht das ohnehin nicht? Wie erlebt man die Umwelt, welche Unterstützung kann man nach so langer Zeit noch erwarten, wie ist es, wenn die ursprünglichen Freunde aus dem Leben verschwinden und die Krankenschwestern einem vertrauter erscheinen als jeder Mensch, den man davor kannte?

Also wirklich ein Buch mit vielen ganz elementaren Fragen - ein Roman, der es beinahe auf die Liste der besonderen Bücher geschafft hätte. Aber leider nur beinahe - denn die Autorin hat sich leider nicht auf diese ohnehin schon ungeheuer intensiven Themen beschränkt.

Nein, da muss auch noch ein Anwalt mit dubiosen Beschwerden rein, dessen Verhältnis zu den eigenen Eltern genauso Thema wird wie eine in der Jugendzeit missglückte Liebesgeschichte, die dem Leser in aller Ausführlichkeit nicht erspart bleibt...

und natürlich muss der Sohn, da der Vater Feuerwehrmann ist, seinen Ausgleich darin suchen, dass er sich als Brandstifter betätigt...

Aber wirklich geärgert habe ich mich dann über das Ende.

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ACHTUNG, hier kommt ein SPOILER!!!!!!! Bitte nur weiterlesen, wenn du das Buch schon kennst oder gar nicht lesen willst!!!
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Zum Schluss nämlich, nachdem sie so lange darum gekämpft hat, selbst entscheiden zu dürfen, was sie mit ihrem Körper macht, nachdem sie ihre Gründe für diesen Kampf offenbart hat und der Leser suggeriert bekommt, dass Kate ja ohnehin nicht weiterleben möchte unter diesen Voraussetzungen; an dieser Stelle also ... hat Anna im Auto des Anwalts einen schweren Unfall, ist hirntot und rettet damit erneut ihrer Schwester das Leben.

Ein extrem schwacher Schluss, wie ich finde - feige und inkonsequent. Dass die Mutter, die fast das ganze Buch über eindeutig die kranke Tochter bevorzugte dann kurz vorher, noch bei der Gerichtsverhandlung, plötzlich überzeugend darbringt, auch Anna schon lange vor ihrer Geburt ihrer selbst willen geliebt zu haben, hatte sich das aber schon angekündigt, dass die Autorin nicht die Schneid hat, die von ihr aufgeworfenen Themen bis zum Ende durchzuziehen.

Trotzdem: es ist ein Roman, der mich sehr aufgewühlt und beschäftigt hat, der mich begeistert und zu Tränen gerührt hat. Aber es ist nicht der Roman, der er hätte sein können....

Jodi Picoult

Auszug aus dem Titelverzeichnis / Rezensionen zu weiteren Büchern:


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